Mitwelt statt Umwelt

Was für ein Unterschied! In meinem Duden ist Mitwelt alleinstehend! Bei Umwelt hingegen weist mein Duden 6 Stichwörter aus plus 16 ergänzende Suchwörter mit „umwelt…“ oder „Umwelt…“. Wörter mit „mit“ drücken immer Gemeinschaft aus, Wörter mit „um“ niemals. Um-Wörter beschreiben etwas: umschreiben, umbiegen, Umgebung usw. Sagen wir Umwelt, beschreiben wir unsere Kulissen, die Welt um uns herum – sind wir doch die Hauptakteure, auf uns kommt es an! Wir bestimmen, wie das aussehen soll, was damit gemacht wird, was nützlich ist, was nicht.

Bezeichnen wir unsere Umwelt hingegen als Mitwelt, dann begreifen wir uns als ein Teil dieser Welt. Dann würden wir mitleiden, wenn wir sie mit unserem Tun malträtierten. Die meisten von uns würden den Frevel sich nicht durchgehen lassen, hätten Schuldgefühle, würden Besserung geloben und vermutlich auch so handeln.

Dem Baum, dem Wirsing, dem Schwein, dem Wurm, dem Fisch, dem Vogel usw. sind wir Mitbewohner unseres gemeinsamen Erdballs. Viele Urvölker – auch heute noch existente – sehen das auch so. Wir freilich sehen alles als Zweck für uns. Diese Einstellung hat gigantisch Tod und Verderben gebracht: an Menschen, an Tieren jeglicher Art bis zum buchstäblichen Aussterben, auch an Pflanzen, die nur noch vereinzelt in Samenbanken bewahrt werden. Wir verpesten die Luft, wir töten die Böden, die Meere.

Es ist höchste Zeit, unsere Sicht zu ändern und das uns Umgebende als Mitwelt zu sehen, diese zu respektieren und mitzuwirken an einem gedeihlichen Miteinander – nicht irgendwer: ich, du, wir, jeder einzelne von uns.


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Wir gehören der Erde – nicht umgekehrt!

Die Spezies Mensch ist ein Produkt unseres Globus, der Erde. Somit sind wir Kinder der Erde. Wir sind gut geraten, aber inzwischen sind wir wie böse Buben: Wir machen alles kaputt.

Yves Charles Zarka, Philosophie-Professor an der Pariser Université Sorbonne – Université Descartes, war wohl der erste, der „Wir gehören der Erde, nicht die Erde gehört uns“ im Jahr 2015 öffentlich verkündete. Er forderte gar ein Verändern der Menschenrechte: Der Mensch habe keine Besitzrechte an der Erde. Und deshalb müsse jeder Mensch bei seinem Handeln dessen Auswirkungen auf die ganze Welt im Blick haben. Niemand, weder Kollektive noch Individuen, habe ein absolutes Recht auf Teile der Erde. Vielmehr sei vorrangig die Sicherung der Erde, ihrer Landmassen und Ozeane, für die Existenz der heutigen und der kommenden Generationen.

Der Gedanke ist eigentlich naheliegend – und doch so fern für uns Menschen heute. Wer ein Haus hat, wer ein Feld, wer einen See – ihm gehört der Boden auf dem das Haus steht, das Feld liegt, der See gründet: Theoretisch in der Tiefe unbegrenzt. Freilich hat niemand ein Recht, Stollen einige hundert Meter drunter zu verhindern, wenn besispielsweise ein Kohle-Flöz oder anderes Wertvolles entdeckt wird. Und deshalb kann auch ein Bauer auf seinem Feld Gülle und andere Dünger ausbringen, Beliebiges einsäen und mit Pestiziden das Gewachsene schützen – und dabei buchstäblich die Erde, die fruchtbare Krume beschädigen. Doch er ist nicht der einzige, der das kann. Unsere vielfältigen menschlichen Aktivitäten beschädigen den Boden, die fruchtbare Krume, die Gewässer, Meere, ja, auch die Atemluft und die Klimata durch ungefilterte Abgase, belastete Abwässer, ungewollte Schadstoffaustritte, illegale Müllentsorgung, Pflanzenschutzmittel, Klärschlamm und anderes. Sie alle beschädigen und töten Bodenlebewesen, Insekten, Vögel, Amphibien, Fische, Säugetiere, Pflanzenhabitate. Und – mittelbar – auch Menschen.

Der Mensch, also jeder von uns, so Yves Charles Zarka, muss deshalb in seinem Handeln die Verantwortung für die gesamte Menschheit übernehmen, sich als Bürger der Welt sehen – nicht eines wie auch immer gearteten Kollektivs. Was bedeutet, dass man die Auswirkungen des eigenen Handelns auf das Ganze, also die ganze Welt, im Blick haben müsse. Zarkas Idee ist bestechend. Doch es gelang nicht, sie in die Menschenrechte der Vereinten Nationen (1948 entstanden) aufzunehmen: Man schreckte wohl vor den sich daraus absehbaren Konsequenzen zurück. Dennoch ist der Gedanke Zarkas universell: Alle Menschen – egal wo – hängen von der Erde ab. Die Erde, unser Globus ist nicht nur der Ernährer, er ist die Voraussetzung unserer Existenz. Ohne unsere Erde gäbe es uns nicht. Ohne die Erde hätten wir nicht, was wir haben. Deshalb sollten wir unseren Egoismus zähmen und Verantwortung übernehmen, was durchaus auch Verzicht sein kann.

Wäre es also nicht ein guter Gedanke, sich bei unserem Tun immer wieder bewusst zu machen, welche Auswirkungen es hat – auf die Welt? Denn: Mit dem Schmetterlingseffekt*, der bei Systemen auftritt, die ein irregulär erscheinendes chaotischen Verhalten zeigen und dennoch den Regeln eines dynamischen Systems folgen, können beliebig kleine Unterschiede in den Anfangsbedingungen im Laufe der Zeit zu starken Unterschieden im System führen.

*) Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen? (Edward N. Lorenz); Foto: © Michael Geier