Geschmacklos lebt sich’s schlechter

Geschmack ist wohl das am meisten missbrauchte Wort. Jeder verwendet’s: Das ist mein Geschmack! Und so wird’s zum Totschlag-Argument. Weil jeder etwas schmecken kann, meint jeder, Geschmack zu haben. Auch wenn’s gar nicht um’s Schmecken geht. Denn das Wort lässt sich trefflich überall einsetzen: beim Verhalten, beim sich Kleiden, beim Beurteilen beispielsweise.

Der schlechte Geschmack ist alltäglich. Guter Geschmack hingegen verlangt Bildung. Und nicht zu knapp. Dem Verhungernden scheint jeder Bissen, dem Verdurstenden jedes Getränk köstlich. Doch von den bei uns 99,9 Prozent Satten und Nichtdürstenden fröhnen die allermeisten dem schlechten Geschmack – und das nicht nur beim Essen und Trinken. Auch beim sich Kleiden, sich Benehmen, sich Ausdrücken.

Beim Schmecken sind Kenntnisse erforderlich und feine Geschmackssinne. Mit anderen Worten: Es ist eine intellektuelle und eine sinnliche Disziplin. Auch beim Verhalten sind Kenntnisse erforderlich, beispielsweise was höflich ist und was nicht, aber auch ein Sinn fürs Angemessene – und das ist kulturbedingt und erfordert entsprechende Bildung. Der Sinn fürs Angemessene ist auch beim sich Kleiden nötig, aber auch der Sinn für Selbstkritik – und dieser ist Ergebnis von Erziehung. Das Beurteilen verlangt mehrere Sinne, je nachdem, um was es sich handelt: Den Sehsinn fürs Sichtbare, den Hörsinn fürs Hörbare, den Tastsinn fürs Fühlbare, den Geruchsinn fürs Riechbare, und den Geschmacksinn fürs Schmeckbare. Doch das genügt noch nicht: Entscheidend ist dabei die kulturelle Reife, also erworbenes Wissen und erworbene Erfahrung.

Wenn ich mich umblicke, scheint mir in Deutschland heutzutage die Kultur des Geschmacklosen und Billigen weit verbreitet: Junge wie reife Frauen lieben offensichtlich Clochard-Outfits, ebenso das Verschandeln ihrer Haut mit Tatoos, was offenbar auch viele Männer fasziniert und nicht wenige sich in ein gestochenes Gemälde verwandeln; banales Fast- und Quickfood ist vielfach der Küchenmeister und selbst angeblich Kultivierte lieben die Diskounter, weil man dem Billigen frönt. Dass auch noch das Vulgäre in der Sprache zu Wort kommt, ist dann nur logisch, da selbst das Fernsehen sich bemüht, authentisch zu sein.

Geschmack, guten Geschmack haben im umfassenden Sinne ist ein Bildungsprozess und muss erlernt werden. Doch es sieht so aus, als ob im Erziehungsprozess in Deutschland dieses Thema ein Schattendasein führt.

Foto: Tomatensuppenpulver © Hans-Werner Bunz

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