CSU Wahlplakat: Übereifer verdeppert

Intergration:
Leitkultur leben.

CSU

Mit diesem Plakat wendet sich die CSU – ja, an wen? Ist’s eine Aufforderung an jene, die Zuflucht bei uns suchen? Nicht möglich wegen fehlender deutscher Staatsangehörigkeit. Oder sind damit jene gemeint wie ich, die vor 50 Jahren aus dem Württembergischen in Bayern,

genauer: in Franken einwanderten mit fast 500-jährigem schwäbischen Stammbaum? Oder sind die Deutschtürken, also jene mit deutschem Pass gemeint – als Reaktion auf die Ausfälle von Erdogan? So unklar wie die Zielgruppe ist auch der Inhalt. Was heißt hier Leitkultur? Eine verbindliche Definition gibt es nicht, nur Meinungen meist eher weniger kompetenter Politiker. Man hat sogar ein bayerisches Integrationsgesetz geschaffen, mit dem man Asylbewerber auf die „unabdingbare Achtung der Leitkultur“ verpflichten möchte. Auf die Frage der Grünen: „Auf was genau?“ ist die Antwort: „Die identitätsbildende Prägung des Landes.“ Und was sei das? „Die Leitkultur.“ (Süddeutsche Zeitung/Magazin, 25.09.16)

Das bayerische Integrationsgesetz betont die Werte und Traditionen des christlichen Abendlandes mit dem jüdischen Beitrag, der Rest ist Grundgesetzliches. Also nicht viel Neues, vielleicht außer der Behauptung: Bayern sei geformt durch gewachsenes Brauchtum, von Sitten und Traditionen. Das Christliche hat heute weit weniger Bedeutung als noch vor 60 Jahren, nicht nur der steigenden Austritte wegen. Nicht nur Jüdisches, auch muslimische Kunst, Wissenschaft und Kultur zwischen dem siebten und zehnten Jahrhundert beeinflusste uns. Eine einheitlich bayerische Kultur gibt es nicht, da sorgen schon die Franken und alemannischen Schwaben dafür.

Bayern tut so, als wäre die Kultur in Bayern abgeschlossen, statisch also und unveränderlich. Das ist Geschichtsvergessenheit. Kultur ist immer in Bewegung. Erst seit 1958 sind Ehefrauen unbeschränkt geschäftsfähig, allerdings musste der Gatte noch einige Jahre ihrer Kontoeröffnung zustimmen, ebenso noch vor 50 Jahren ihrer Annahme bezahlter Arbeit. Und heute? Viele Frauen sitzen in Vorständen, sind Geschäftsführerin. Dennoch verdienen viele Frauen im Anstellungsverhältnis bei gleicher Tätigkeit weniger als Männer. Wie sehr Kultur in Bewegung ist, zeigt sich deutlich an drei Beispielen: Die letzten 50 Jahren veränderten unsere Esskultur (sehr zum Leidwesen von Natur, Klima und Kultur); unsere Sprache, durchaus offen für Fremdes, bereichern inzwischen eine Fülle von Anglizismen (nicht wenige beschädigen sie auch); die Vielfalt von Schlager über Jazz bis Rap verwies Volkslieder und Klassische Musik (die sowieso international ist) in Nischen.

Der schwülstige Artikel 12 – das lange geschichtliche Ringen von Nation und Kontinent um Einheit, Recht, Frieden und Freiheit verpflichte auf das errungene europäische Erbe und eines gemeinsamen europischen Weges – ist im Grunde nicht falsch, doch so ausgedrückt, ist es ein Blick rückwärts. Aber die Gegenwart verändert und erst recht die Zukunft. Diese zu gewinnen gelingt nicht mit dem Rückwärtsgewandten. Auch deshalb taugt der Begriff Leitkultur nicht.

Hans-Werner Bunz

 

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