Ökologisch alleine reicht nicht

Noch 60 Ernten. Ist dann Schluss? Teil 3

Vom 7. bis 10. März 2017 kamen über 400 Kleinbauern und -bäuerinnen, Fischer, Hirten, …

…Imker, Indigene und Saisonarbeiter aus über 50 Ländern nach Schwäbisch Hall, um sich über den gegenwärtigen Prozess zum Inhalt des Entwurfs einer Erklärung der Vereinten Nationen zu den Global Peasants‘ Rights, den „Rechten von Kleinbauern/-bäuerinnen und anderen, im ländlichen Raum Arbeitenden“ zu informieren. Eingeladen dazu hatte die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall mit ihren Schwesterbetrieben sowie Via Campesina, AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) und Fian-International und Fian-Deutschland. Weitere 44 Nicht-Regierungs-Organisationen, darunter auch Slow Food Deutschland und Slow Foods Terra Madre Projekt, unterstützten diese Veranstaltung, die eine Vorbereitung war für die vierte Verhandlungsrunde im Mai 2017 zur Erklärung der Rechte von Kleinbauern durch die Vereinten Nationen. Es geht um die Rechte jener, die 70 Prozent der Menschheit ernähren.

Die Unterdrücker
von heute sind Konzerne, Regierungen und sogenannte nationale Eliten. Überall steigt die Konzentration von Landbesitz massiv an, getrieben von einem Entwicklungs- und Produktionsmodell, das hauptverantwortlich ist für die Vernichtung von Biodiversität, für die Zerstörung der Umwelt und für die Klimaerwärmung, die diese Schäden massiv verstärkt. Hinzu kommen eingestellte Agrarreformprogramme, die landlose Pächter zu neuen „Sklaven“ machen und Flucht und Migration verursachen. Freihandelsabkommen, die Weltbank, die G7 – zu denen auch Deutschland gehört – und sogenannte „philantropische Stiftungen“ zwingen Regierungen des globalen Südens, industrielles Saatgut einzuführen und ihre Gesetze an die internationalen Regelungen zum Schutz geistigen Eigentums anzupassen (beispielsweise Monsanto oder Bayer kann eine genetische Sequenz eines existierenden Lebens – sei es Pflanze, sei es Tier – patentieren lassen: Die Natur wird so zum Privatbesitz und zum Handelsobjekt einiger weniger Konzerne!).

Das System ist falsch
Mit gegenwärtiger Technik ließen sich laut FAO theoretisch schon heute 12 Milliarden Menschen satt werden. Wie viele Esser wir im Jahr 2076 sein werden, weiß niemand. Jorgen Randers in seinem Bericht an den Club of Rome (2012) prognostiziert die Weltbevölkerung Anfang der 2040er Jahre bei über acht Milliarden Männer, Frauen und Kinder mit abnehmender Tendenz danach1; andere Experten prognostizieren weitaus höhere Bevölkerungshöchststände. Ob ein, zwei oder drei Milliarden hinzukommende Esser, sie wollen wohnen, am Verkehr teilnehmen und mit ausreichend elektrischer Energie versorgt werden, dazu die nötigen Siedlungs-, Verkehrs- und Energiepflanzenflächen, welche – wie auch schon bisher – die für Lebensmittel wichtigen Acker- und Grünlandflächen vermindern. Bei der schnell fortschreitenden Bodenverschlechterung (Bodendegradation) werden selbst erhöhte Kunstdünger- und Pestizidmengen nicht die rund 800 Millionen Hungernden und Jahr für Jahr des Hungers sterbenden 3,5 Millionen Kinder vermindern. Eher ist millionenfach wachsendes Leid zu erwarten.

Paradigmenwechsel
Er ist zwingend. Und es muss schnell gehen: Keine konventionelle, die Böden auslaugende, unfruchtbar und leblos machende Agroindustrie, hin zur ökologisch-nachhaltigen, die Böden wieder lebendig und fruchtbar machenden bäuerlichen Landwirtschaft. Statt egoistisches ausbeuten der Staaten und Vernichten ihrer kleinbäuerlichen Strukturen, das Geraubte zurückgeben und diese effizienten Landwirte fördern. Keine Rechte auf Leben bei Pflanzen und Tieren. Andernfalls wird Maria Helena Samades Prognose (siehe 1. Teil) nicht zu verhindern sein, ebenso wenig die Minderung des vom Menschen verursachten Artenschwunds. Denn eines ist sicher: Wir haben nur diesen Planeten und wir haben nur diese nicht vermehrbaren Böden, die täglich immer weniger werden. „Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ ist das lakonische Fazit und der Titel des Buches2 von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, Bio-Landwirt und Vorsitzender von BÖLW (Bund Ökologische Landwirtschaft). Letztlich ist dies auch die Botschaft der FAO Expertin für Ressourcenschutz, Maria Helena Sameda.

Hoffnung macht, dass die ökologisch nachhaltige Landwirtschaft längst die Welt erobert hat und in vielen Ländern etabliert ist, auch in den Köpfen von Konsumenten. Inzwischen wird in allen Erdteilen ökologisch von 2 Millionen Erzeugern produziert auf inzwischen 43,1 Millionen Hektar (Jahr 2013), wovon 27 Millionen Grasland sind. Flächenmäßig führt Ozeanien (inkl. Australien) mit 12,4 Millionen Hektar mit Abstand, gefolgt von Europa mit 11,5 Millionen, Lateinamerika mit 6,6 Millionen, Asien mit 3,4 Millionen, Nordamerika mit 3 Millionen und Afrika mit 1,2 Millionen. Im Verhältnis zur Landesfläche belegt in Europa Deutschland zusammen mit Dänemark Platz 14 (jeweils 6,4 Prozent) – noch deutlich vor Australien (4,2 Prozent).3 Noch jede Menge Fläche wartet also auf Umwandlungen in ökologische Produktion.

Welches Potential in der Wandlung von konventioneller in ökologisch-nachhaltiger Landwirtschaft steckt, zeigt die Untersuchung des Potsdamer Agrarforschers Peter Clausing: Zehn Kilokalorien braucht die industrielle Landwirtschaft für eine Kilokalorie Nahrung, hingegen gewinnen kleinbäuerliche Produzenten mit 1 zugefügten Kilokalorie 10 Kilokalorien Nahrung4.

Hans-Werner Bunz

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