Das 6. Artensterben

Noch 60 Ernten. Ist dann Schluss? Teil 2
Schon heute sterben viele Arten – und die meisten davon durch den Menschen, vor allem durch jene der industrialisierten Welt.

Ich gehöre auch zu dieser Welt und damit auch zu diesen Zerstörern. Allerdings bin ich kein Haupttäter, aber ein Täter. Ich esse und trinke ökologisch erzeugte Lebensmittel, soweit möglich aus der Region, täglich koche ich selbst, nutze selbst Abschnitte von Gemüsen fürs Kochen von Fonds, mache aus Radieschenblättern, Brokkolistielen und Abschnitten eine Suppe, verzichte auf industriell hergestellte Fertigerzeugnisse. Meine Kleidung ist relativ teuer, deshalb solide und lange haltbar, aktuell bin ich dennoch, kommt doch einmal im Jahr ein Stück dazu. Ein Loch im Pulloverärmel am Ellenbogen deckt ein darüber genähter farblich passender Flecken, so hält das gute Stück einige Jahre länger. Teuer sind auch meine Schuhe – und werden deshalb immer wieder besohlt und repariert, halten so 10, 15 Jahre. Mein Auto fahre ich bis 350.000 Kilometer, das sind noch vier seiner dann 12 Jahre. Privat vermeide ich Flüge. Fast täglich gehe ich einige Kilometer und besorge dabei vom Markt, vom Bio-Laden, Bäcker und Metzger das Benötigte. Und trage dennoch zum Artensterben bei, vermutlich nicht zu knapp.

Das Anthropozän sind vor allem wir
Wissenschaftler nennen unsere Zeit das Anthropozän, das „menschlich (gemachte) Neue“¹­. Als seinen Beginn hat sich der Anfang des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert eingebürgert. Nicht nur die Mineralien, Erze und Metalle hat der Mensch seitdem massiv geplündert, sondern zugleich einen Vernichtungsfeldzug gegen das Lebendige geführt: gegen Tiere und Pflanzen. Wissenschaftler nennen es ungeniert das 6. Sterben; das 5. verursachte wohl vor 65 Millionen Jahren der Aufprall eines Meteoriten in Mexiko, der einen Großteil der Arten weltweit vernichtete, die Dinosaurier sogar gänzlich bis auf einige der kleinwüchsigen vogelartigen². Vor allem in den letzten 50 Jahren beschleunigte sich der Artenverlust auf das 100- bis 1.000-fache des natürlichen Artensterbens. Bei den Agrarprodukten ging in letzten 75 Jahren 75 Prozent der genetischen Vielfalt verloren, in den USA sollen es sogar 95 Prozent sein²; heute ernähren nur ca. 30 Pflanzenarten 95 Prozent der Weltbevölkerung3. Ähnliches gilt für die Nutztierrassen.

Vielfalt ist Leben
Warum ist Vielfalt so wichtig? Kein Lebewesen auf dieser Welt existiert für sich allein, sei es Bakterium, Pilz, Pflanze, sei es Tier oder Mensch. Ursprung unseres Lebens ist die in Milliarden Jahren lebendig gewordene Erde: der Boden unter unseren Füßen, gestaltet von Bakterien, Pilzen, Pflanzen, Tieren lange bevor der Mensch darüber schritt. Eine Welt mit Milliarden von Arten, angepasst an gleichermaßen vielfältige Lebensräume, komplexe Ökosysteme, in denen jede Art eine Funktion hat, und selbst ihr Kot oder als Leiche für das Leben des Ökosystems nützlich ist.

Mit der Bewirtschaftung des Bodens veränderte der Mensch natürliche Ökosysteme – und schuf auch neue, die günstig für einige Arten waren, für Feldhamster und Feldhase beispielsweise. Dunkle Wälder zu beweideten Wiesen geworden, sind komplexe Ökosysteme mit einer bunten Vielfalt von Gräsern, Kräutern, Blumen und Insekten, Futterplatz auch für Wildtiere. Und in den Ställen entstand eine Vielzahl neuer Rassen, angepasst an die geologisch-klimatisch-wirtschaftlichen Bedingungen der Regionen, ebenso bei den Pflanzen: wer zählt die Weizen-, Reis-, Mais-, Kartoffel-, Apfel- undsoweiter-Sorten, die einst jeweils in die Tausende oder gar Zehntausende gingen.

Wir sind verantwortlich
Mit massivem Einsatz von Kunstdünger, Pflanzenschutzmitteln, hybriden oder gar gentechnisch veränderten Sorten-Varietäten und immer großflächigeren Monokulturen in Verbindung mit industrialisierter Bewirtschaftung und nachgelagerter maschinenstrotzender Lebensmittelindustrie veränderte sich buchstäblich die Welt: der Artenverlust explodierte geradezu, die lokalen Ökosysteme verarmten, nicht wenige sind nahezu tot. Gleichzeitig schrumpfte die Lebenszeit von Geflügel, Schweinen, Mastrindern auf Monate, bei Milchrindern auf zwei, bei wenigen auf drei Laktationsperioden, wurden die Speisen denaturierter und eintöniger – nicht nur für die Menschen. Heute liefern in Deutschland drei Schweinerassen, zwei davon nahe verwandt, 95 Prozent des Schweinefleisches, eine Milchviehrasse die Milch für etwa 85 Prozent der Milchprodukte Europas, nur vier Rassen vermutet die FAO als Eltern der Geflügel-Zuchtlinien rund um den Globus. Das Verschwinden von Bienen und Insekten, weltweit bestäuben sie etwa 35 Prozent unserer Nahrungspflanzen4, gefährdet bereits in einigen Regionen die Ernten: In China bestäuben bereits Wanderarbeiter ganze Obstplantagen, fahren in den USA Imker mit Lastzügen voll Bienenvölkern im Land herum zum Bestäuben riesiger Monokulturen blühender Plantagenbäume. Nicht wenige Imker bei uns führen das jährliche große Bienensterben zurück auf mangelnde Widerstandsfähigkeit ihrer Bienen gegen die Varroa-Milbe wegen fehlender Bienenweiden und der Pestizide.

Spezialisierung und Monokultur verbunden mit immer größeren Einheiten (wachse oder weiche) sind die Rezepte der industriellen Landwirtschaft, befeuert durch die Politik und die Landwirtschaftsschulen mit der Behauptung, nur so im Wettbewerb zu bestehen. Was dabei heraus kommt, zeigt sich so: tausende Landwirte haben in den letzten Jahren aufgegeben. Landwirte hingegen, die auf Vielfalt setzen, wie beispielsweise die Slow Food Mitglieder Hilmar Cäsar aus Waigolshausen-Dächheim, ein Biolandwirt mit 350 Hektar Land, und Helmut Kleinschroth, unkonventioneller Landwirt aus Reichenberg-Fuchsstadt mit 62 Hektar sind erfolgreich: Beide praktizieren Diversifizierung mit vielen verschiedenen Produkten für viele verschiedene Märkte – und erhalten durch vielfältigen Fruchtwechsel außerdem das Leben in ihren Böden. Weshalb diese Lebensmittel nachhaltiger, aber auch kulinarisch wertvoller sind.

1) http://www.wikipedia.org/wiki/anthropozän
2) https://de.wikipedia.org/wiki/Dinosaurier
3) http://www.terramadre.org (deutsche Ausgaben 2014/2010, nicht mehr verfügbar)
4) http://www.pflanzenforschung.de/de/journal/journalbeiträge/bienen-fuer-eine-gesunde-welternaehrung-1415

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