Streetfood – die Imbisslust am Straßenrand

Das Essen auf der Straße ist keine Erfindung der Neuzeit und des beschleunigten Lebens. Garküchen waren in den mittelalterlichen Städten für viele die einzige Möglichkeit, warmes Essen – und wenn es nur ein Getreidebrei war – sich leisten zu können. Garküchen sind auch heute in vielen Regionen der Welt eine Alltäglichkeit – nicht nur von Einheimischen geschätzt als Erzeuger eines Imbisses, für allzu viele oft die einzige Nahrung des Tages. In unseren Breiten veränderte die Imbisskultur nach dem 2. Weltkrieg die mitteleuropäische Nahrungskultur sogar nachhaltig. In Deutschland startete der Pommes-Hype in den Pommes-frites-Buden¹, gefolgt von den Würstelbuden, neben denen sich dann in den 80er Jahren die griechischen, türkischen und asiatischen Schnellimbisse ausbreiteten, weil sie den Reiseerlebnissen und wachsenden Einpersonenhaushalten entgegenkamen. Die zwischenzeitlich sich etablierenden amerikanischen Burger-Schnellrestaurants erweiterten ebenfalls die Imbissbudenkultur².

Was macht Imbissbuden und Kioske so anziehend?

Es ist der Platz, an dem man Pause macht. Ein schönes Beispiel dafür sind die Kölner ARD-Tatort-Ermittler, die nach erfolgreicher Fahndung ihren Lieblingskiosk am Rheinufer aufsuchen zum Verschnaufen. Imbissbuden und Kioske sind zudem Stätten der Begegnung und des Meinungsaustauschs mit dem Charme der unverbindlichen Zufälligkeit und dem Vergnügen der umstandslosen Esslust-Befriedigung zum kleinem Preis; die anonymen Kettenimbissrestaurants freilich waren Orte der Isolation.³ Street Food ist eine Ernährungsrealität mit Tradition und breiter Akzeptanz bei den Menschen. Bei uns in Deutschland freilich sind die meisten Angebote austauschbare Industrieprodukte von zumeist zweifelhafter Qualität.

Selten geworden ist Street Food im Slow Food Sinne, nämlich mit einem klaren lokalen Bezug. Worin zeigt sich dieser? Mindestens zwei Kriterien sind dafür zwingend: 1. Die Speise muss eine lokale, mindestens jedoch eine regionale Tradition repräsentieren, 2. die Hauptzutaten stammen von lokalen Lebensmittelhandwerkern. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit sollte ein sehr guter Geschmack sein, der sich aus qualitativ guten Produkten und weitest gehender Zusatzstofffreiheit ergibt. Qualität hat ihren Preis; fair wird er erst, wenn alle am Erzeugungsprozess Beteiligten so partizipieren, dass auch ihnen der Imbiss schmeckt.

Lokale Imbisskultur – auch ein Imagefaktor

Gutes Street Food stärkt die kulturelle Individualität einer Stadt, trägt ihren Namen sogar in alle Welt. Florenz wäre ärmer, gäbe es nimmer das Lampredotto (fein geschnittener Rinder-Labmagen mit grüner oder roter scharfer Soße), ein Kuttelgericht „auf die Faust“ im runden Brötchen, verkauft aus mobilen Kesseln von den Trippai, den „Kuttelmännern“, auf den Plätzen der Stadt. Die Stadt Hof im nordbayerischen Vogtland wäre kulturell ärmer ohne ihre traditionsreichen „Wärschtlamo“ in ihrer speziellen Tracht mit linkseitig umgehängten, Holzkohle befeuerten, glänzenden Messingkessel und rechtsseitig hängendem Henkelkorb voller „Laabla“, knackigen, langen, dünnen Würstchen ähnlich den „Wienerla“, die im Dampf garen; man genießt sie mit oder ohne Senf mit einem Brötchen. Wieviel hätte Coburg verloren, könnte man die auf Kiefernzapfen geröstete, handwerklich erzeugte Coburger Bratwurst nicht mehr am Imbissstand auf dem Marktplatz oder sonst wo in Coburg genießen! Ach, gäbe es doch mehr solcher lokalen Streetfood-Spezialitäten!

Hans-Werner Bunz

¹ Gunther Hirschfelder „Europäische Esskultur“, Campus Verlag, Frankfurt, S. 247, ² dgl. S. 252, ³ dgl. S. 253

 

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