EnglertJens_Rhönschafe

Lokale Produkte verbinden

Es ist eine ganz praktische…

…Slow Food Erfahrung: Die Verteidigung einer lokalen Spezialität stärkt die Gemeinschaft

Es ist mehr als offensichtlich: Die Vielfalt der Sorten und Arten wird täglich weniger. Manches trägt dazu bei – vor allem aber der Mensch. Er ist der Hauptverantwortliche für das 6. Sterben der Arten, der Fische, Kleintiere, Korallen und Ökosysteme in den Meeren und Flüssen, für das Sterben der Ökosysteme unserer Ackerböden, für das Verschwinden der Rassenvielfalt unserer Nutztiere, der Sortenvielfalt unserer Nutzpflanzen, für die weltweite, banale Eintönigkeit der Speisen. Es ist seine Idee der Massenproduktion von allem, die alles zerstört: Leben, Landschaft, Schönheit, Kultur, Gemeinschaft.

Doch es ist auch der Mensch, der sich gegen diese Vernichtung der Sorten und Arten stemmt, zumindest einige Menschen, die dann doch alle zusammen sehr viele sind und täglich auch mehr werden. Es sind jene Menschen, denen bewusst ist, dass ohne biologische Vielfalt auch die menschliche Existenz keine Zukunft hat. Zugleich ist „die biologische Vielfalt der Rohstoff, auf dem die menschlichen Kulturen aufgebaut sind, denn sie haben die natürliche Vielfalt in eine kulturelle, gastronomische, künstlerische, landschaftliche, also im Grunde menschliche Vielfalt verwandelt“, sagt Slow Food President Carlo Petrini1.

Die hochspezialisierten Bauern, Gärtner, Produzenten sind es nicht, die sich für das Erhalten der Vielfalt einsetzen. Es sind die Terra Madre Gemeinschaften, die Kleinbauern, die leidenschaftlichen Gärtner, Winzer, Brauer, Brenner und Tierzüchter. Namen, die mir aus meiner Region spontan dabei einfallen sind Slow Food Mitglieder wie die Landwirte Hilmar Cäsar und Helmut Kleinschroth, Gärtner wie Veit Plietz und Gertrud Leumer, Winzer wie die Slow Food Mitglieder Peter Götz und Nico Scholtens, Brauer wie Andreas Seufert, Brenner wie die Slow Food Mitglieder Lothar Bold und Georg Schwarz, Züchter wie Josef Kolb und Martin Mayer. Weltweit sind es all jene, die sich für inzwischen selten gewordene Pflanzen, Tiere, Lebensmittel engagieren, jene also, die einem Presidio angehören oder auch einen Passagier der Slow Food Arche des Geschmacks mit großem Einsatz fördern. Denn alle diese Menschen erhalten nicht nur die Vielfalt, sondern fördern zugleich auch die lokalen Sorten, Arten, Spezialitäten. Und überall dort, wo lokale Einzelkämpfer sich zu Gemeinschaften verbinden, ein schönes Beispiel dafür ist der köstlichste Vertreter der ältesten noch existierenden Rinderrasse Württembergs, der Archepassagier Weideochse vom Limpurger Rind g.U. und seine gleichnamige Schutzgemeinschaft, wird aus einzelnen Konkurrenten ein Miteinander im gleichen Geiste, deren gebündelte Kräfte überraschende Erfolge zeitigt.

Ein anderes Beispiel ist der Archepassagier Rhönschaf, eine einheimische, im 16. Jahrhundert für die Rhön gezüchtete Schafrasse. Sie hat ihr Überleben in der Rhön nicht nur dem Bund Naturschutz in Bayern zu verdanken, sondern vor allem jenen engagierten Gastronomen, die für einen konstanten Bedarf an Rhönschaffleisch standen: die grenzüberschreitende Gruppierung „Aus der Rhön, für die Rhön e.V.“, Rhöner Gastwirte in Bayern, Thüringen und Hessen, die sich verpflichteten, Fleischgerichte vom Rhönschaf auf der Tageskarte zu führen. Sie vor allem machten es möglich, dass heute wieder mehr als 4.000 Rhönschafe in der Rhön weiden, das Rhönschaf wieder einen hohen Bekanntheitsgrad hat und sogar zu einem Identitätsmaskottchen wurde. Zugleich bindet die Verteidigung der lokalen Spezialitäten, zu denen u.a. auch die heimische, seltene Rhöner Bachforelle und die um 1890 eingeführte, weiter verbreitete Regenbogenforelle – genannt Rhönforelle – gehören, die Gastronomen zu einer Gemeinschaft gleichen Sinnes, die sich in diesen Produkten erkennt, Achtung für die Umwelt hat mit Auswirkungen auf die soziale und kulturelle Ebene – und deswegen erfolgreich ist.

Hans-Werner Bunz

Foto: ©  Jens Englert

¹) Slow Food Almanach 2015, Seite 6

 

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