Wir sind vom Konsumismus infiziert und zerstören die Welt

Die Zeitung: „Der inländische Konsum stützt die deutsche Konjunktur.“ Die Anzeige: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ Zwei Überschriften von vielen mehr oder weniger gleichartigen, die Tag für Tag von Politik und Wirtschaft im Gleichklang verkündet, gedruckt, gefordert werden. „Konsumiert!“ ist die herrschende Doktrin der Politik, „Konsumiert mehr!“ das Credo der Wirtschaft. War einst das Sparen eine Tugend, ist es heute das Kaufen.

Kaufte man einst etwas, dann sollte es lange seinen Dienst tun, Haltbarkeit war gefragt, lange Lebensdauer, dauerhafte Nützlichkeit, Reparaturfähigkeit. Sie waren die Qualitätskriterien, dafür war man bereit, die verhältnismäßig hohen Kosten zu bezahlen. Denn einmal angeschafft, war aus Funktionsgründen kein Ersatz mehr notwendig oder vielleicht erst nach vielen Jahrzehnten. Ererbte Besitztümer wie Möbel, Wäsche, Stoffe, Kleidung, Tafel- und Kochgeschirre, Bücher, Bilder, Uhren waren willkommene Quellen des Ersparens von Ausgaben. Zugleich waren sie Erinnerung an Familiengeschichte und –geschichten, wurden als emotionale Werte empfunden, weil sie Teil eigener Geschichte waren und mit Erlebnissen verbunden.

Konsumieren als Identitätsbestätigung
Heute geht man shoppen (scheußliches Wort, übles Denglisch von to shop = einkaufen), laut Duden vorrangig Einkaufsbummel bedeutet und das bezeichnet, was man Konsumismus nennt: gucken nach etwas, was man zwar nicht wirklich braucht, aber irgendwie doch, weil es schön ist, etwas zu haben, was man noch nicht hat oder weil es andere haben oder man es vor anderen haben will oder einfach neu ist oder einem langweilig, man sich was gönnen will oder…. – es sei in jedem Falle nicht verwerflich, sondern sogar lobenswert, halte es doch die Wirtschaft am Laufen und sorge für Arbeitsplätze, sagt die Politik.

Konsumismus definiert das Gabler Wirtschaftslexikon als „übersteigertes Bedürfnis nach Konsum“ und kommt vom lateinischen „consumere“, verbrauchen. Herbert Marcuse (*1898, + 1979), deutsch-amerikanischer Philosoph und Soziologe, geißelte mit diesem Wort schon in den 1970er Jahren den übersteigerten Konsum der westlichen Gesellschaften. Der italienische Dichter, Autor und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini (*1922, +1975) sah im Konsumismus eine neue Form des Totalitarismus wegen der Ausdehnung der Konsumideologie auf die ganze Welt: sie zerstöre die Vielfalt sozialer Lebensformen und Kulturen und egalisiere sie in der konsumistischen Massenkultur; die damit verbundene Freiheitsvorstellung verführe zum Erfüllen der Konsumimperative.

Deutsche Konsumsuchtstudien belegen die Tendenz vieler Menschen, sich mit Produkten und Dienstleistungen zu identifizieren und ihr Selbstwertgefühl davon abhängig zu machen. Um sich selbst als „Ich“ zu erleben, als einen Menschen eigener Identität sich zu sehen, ein essentielles Bedürfnis, äußert sich heute in den Konsumgesellschaften bei den meisten nicht durch Individualität, sondern als Konformität: zu haben, zu machen, zu erleben, was eine Bezugsgruppe hat, macht, erlebt. Dieses Identitätserleben könne nur illusorisch sein, sagt dazu der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm (*1900 + 1980). Die Menschen, so Fromm, produzieren und konsumieren ohne Fragen zu stellen und vermeiden es regelrecht, Ursprünge und Gesamtzusammenhänge erfahren zu wollen.

Konsumismus – eine Krankheit?
Andere sehen den Konsumismus als Affluenza, eine Krankheit (Influenza) verbunden mit Wohlstand und Überfluss (Affluence) mit den Symptomen Schulden, Überproduktion, Müllberge, Angstzustände, hervorgerufen durch die Gier nach dem Mehr. Und es ist nicht zu leugnen, dass die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen als ungelöstes Problem der industriellen Massenproduktion längst zu einem ungeheuren Anstieg der Naturausbeutung geführt hat ohne deren Endlichkeit einzubeziehen. Notwendiges Gegenstück zur Massenproduktion ist verschwenderischer Verbrauch, weshalb man den Menschen das Konsumieren als unbedingte Notwendigkeit einredet. Der Konsumismus gehe letztlich an sich selbst zugrunde, konstatiert selbst der ihm wohlwollende deutsche Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz (*1953). Dass damit die Welt, wie wir sie kennen und lieben, zugrunde geht, ist auch ihm klar.

Von Hans-Werner Bunz

Quellen: Wikipedia (Seiten zu den Personen und zu Konsumismus), Burkhard Bierhoff (www.umweltdebatte.de, Ordner Gastbeiträge)

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2 Gedanken zu “Wir sind vom Konsumismus infiziert und zerstören die Welt

    1. Ich habe den Text geschrieben, weil ich gegen Konsumismus bin. Das bedeutet nicht, dass ich nichts kaufe. Aber was ich kaufe, muss ich wirklich benötigen – und es muss von vorzüglicher Qualität sein: als Lebensmittel köstlich, möglichst bio und aus der nahen Region, als Gebrauchsgut schön, gebrauchstüchtig, langlebig und möglichst auch reparierbar, was heute leider bei zu vielem nicht wirklich möglich ist. Meine Frau und ich, wir kaufen das Notwendige. Und wenn wir es haben, freuen wir uns daran – und brauchen nichts aktuelleres.

      hwbunz

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