Geo-Schutz – eine Chance der Regionalförderung

Länder wie Frankreich und …

… Italien schützen und fördern schon seit Jahrzehnten ihre regionalen Spezialitäten. Deutschland erschwert den seinen das Überleben. 

Wer kennt ihn nicht, den Parmigiano Reggiano, kurz Parmesan genannt? Nehmen wir also ihn als Beispiel: Er ist nicht nur ein geschützter Markenname, sondern auch in Italien die geschützte Spezialität einer fest umrissenen Region in der Emilia Romagna, deren Hauptstadt Parma heißt. Der Parmesan ist ein DOP. DOP steht für Denominazione d’Orgine Protteta, was in Deutsch „geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.) heißt. In Frankreich sagt man AOP dazu: Appelation d’Origine Protégée, in Großbritannien PDO – Protected Designation of Origin. Es ist das höchste und zugleich wertvollste Geo-Schutz-Prädikat, das die EU zu vergeben hat. Es schützt das Produkt und seine Produktionsregion europaweit und darüber hinaus vor Nachahmung und Fälschung, in dem die EU sich auch juristisch vor ein solches Produkt stellt.

Warum ist gerade dieser Schutz so wertvoll? Das Prädikat g.U. ist ein Ursprungszertifikat. Was nichts anderes heißt, als dass dieses Lebensmittel nur in den festgelegten lokalen oder regionalen Herkunftsgrenzen komplett erzeugt, verpackt und von dort aus vertrieben werden darf. Darin liegt der große Unterschied zum zweiten EU-Prädikat „geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.); denn hierbei müssen nicht alle Produktionsschritte, sondern nur ein wesentlicher in der definierten Region erfolgen: bei unserem Beispiel Käse könnte also das nur die Käseherstellung selbst sein. Der Rest, also die Milcherzeugung, die Käsereifung, Verpackung und Vertrieb, kann überall geschehen. Deshalb ist die Erteilung eines g.U.-Schutzes nicht nur ein Qualitätszertifikat, sondern auch eine hochwirksame Regionalförderung: Das Geld, das für die Produktion aufgewendet wird, bleibt komplett in der Region. Und weiteres Geld strömt von außen in die Region bei überregionalen Verkäufen.

Deutschland – ein Land ohne erstklassige Spezialitäten?
164 italienische Produkte verfügen inzwischen über diesen g.U.-Geo-Schutz. Spanien ist inzwischen auf Platz zwei mit 100, Frankreich knapp dahinter mit 98 Produkten dritter im Ranking, Griechenland vierter mit 75, Portugal mit 64 an fünfter Stelle – selbst Großbritannien hat doppelt so viele einzigartige, geschützte Spezialitäten wie Deutschland mit aktuell 11. Von diesen elf sind gerade mal sechs verarbeitete Lebensmittel: fünf Käse und der Fränkische Grünkern, die restlichen sechs sind eine Pflaumensorte, eine Hopfensorte, der Weideochse vom Limpurger Rind, die Lüneburger Heidschnucke und die Diepholzer Moorschnucke. Im Gegensatz dazu genießen den Schutz in den anderen Ländern meist die verarbeiteten Produkte wie Öl, Käse, Schinken, Wurst, Back- und Süßwaren sowie Getränke.

Doch es kommt noch schlimmer: Unter der Liste der aktuell bei der EU seit Dezember 2013 eingereichten 48 g.U.-Anträgen befindet sich kein einziger deutscher! Frankreich hingegen fördert mit Anträgen für 12 weitere Produkte seine einzigartigen Spezialitäten, Italien für 11 weitere, Spanien für acht und selbst Großbritannien und Kroatien für jeweils vier.1 Wie kann das sein? Hat Deutschland wirklich keine vorzüglichen, traditionsreichen und zur Identität einer bestimmten Landschaft gehörenden Produkte? Doch, das hat Deutschland – und nicht zu knapp. Warum also dieses Armutszeugnis?

Der Amtsschimmel wiehert …
Wie so oft bei EU-Richtlinien legt man in Deutschland die Kriterien eher erschwerend aus, verschärft sie sozusagen. Das Beispiel Eichsfelder Feldgieker/ Feldkieker macht das anschaulich. Die Antragsteller wollten diese luftgetrocknete Rohwurst eigentlich als geschützte Ursprungsbezeichnung anmelden. Das Deutsche Patent- und Markenamt in München freilich, zuständig in Deutschland für die nationale Prüfung der Anträge, verhinderte das mit der Begründung (Zitat): Eine Festlegung, dass zur Herstellung des Eichsfelder Feldgiekers nur Fleisch von Schweinen aus der Region verwendet werden darf, erscheint nicht gerechtfertigt, weil eine entsprechende Tradition bei der Herstellung des Eichsfelder Feldgiekers nicht nachgewiesen worden ist, es zudem zweifelhaft erscheint, ob es im Eichsfeld überhaupt eine entsprechende Schweinemast gibt.” 2

Die Motive dieser Verhinderungspolitik bei der „geschützten Ursprungsbezeichnung“ sind Spekulationsobjekt. Doch sieht es ganz nach Bevorzugung grenzenlosen Wettbewerbs aus. Der geschützte Produktionsraum ist den Markt-liberalen ein Dorn im Fleische. Man vergisst dabei, dass auch im geschützten Produktionsraum unter den Erzeugern harter Wettbewerb herrscht, der Konsument also keine Nachteile hat. Außerdem konkurriert jedes geschützte Produkt gegen ähnliche seiner Art.

… und der deutsche Unternehmer scheut
Doch nicht nur die Behörde bremst, sondern – so sagen die zuständigen Ministerialen – es sind die Unternehmer hinter den Produkten, die sich scheuen, den steinigen Weg der Beantragung zu gehen. Denn er ist teuer und lang zudem – beim Limpurger Weideochsen vergingen fast zwei Jahre bis zur erfolgreichen Antragseinreichung in Brüssel (und fast weitere drei Jahre bis zur Erteilung!). Und zum Erfolg sind ausgewiesene Fachleute unerlässlich, Lotsen, welche die Klippen des Scheiterns erkennen.

Deutschland verliert weiter an Boden hinsichtlich der Verteidigung geistigen Eigentums – g.U. geeignete Produkte sind geistige Leistungen -, klagen nicht nur die Ministerialen. Es ist deshalb höchste Zeit, dass man in Deutschland traditionsreiche kulinarische Spezialitäten fest umrissener Regionen als ebenso wichtiges Kulturerbe wie Bau- und Kunstwerke oder Naturräume anerkennt. Die Beförderung geografischer Schutzzonen ist dazu ein zentraler Ansatz, kulturelle und kulinarische Vielfalt zu sichern. Zugleich fördert man damit wirtschaftlich diese Landschaften. Dass darüber hinaus auch die Identifikation der Menschen zu ihrem Lebensraum und somit ihre Bindung an ihn gestärkt wird, ist weit mehr als ein Zusatznutzen: es kann der Motor sein für neue Ideen und Anstrengungen.

Text: Hans-Werner Bunz, Foto: Hendrik Haase, Weideochsen vom Limpurger Rind g.U.

1) Alle Angaben Door List der EU (ec.europa.eu/agriculture/quality/door/list.html)
2) DE Markenblatt Heft 15 vom 09.04.2009 Teil 7b

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