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Street Food – die Imbisslust am Straßenrand

Das öffentliche Essen ist …

… keine Erfindung der Neuzeit und des beschleunigten Lebens. Im Gegenteil, in vielen Regionen der Welt hat das Essen am Straßenrand eine Jahrhunderte zählende Tradition, man denke nur an die Garküchen des Orients. Und auch hier in Europa und in Deutschland waren sie schon vor vielen Jahrhunderten allgegenwärtig. Als im Hoch- und Spätmittelalter die Städte an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung zunahmen, wuchs auch ihre Einwohnerzahl. Die Wohnverhältnisse waren beengt, nur wohlhabende Bürger hatten Häuser und in diesen auch Küchen. Viele der Zuwanderer und die Armen und Kleinbürger jedoch waren auf die Garküchen mit ihren einfachen Speisen angewiesen.

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich die Imbiss-Kultur immer wieder gewandelt, jedoch war sie immer präsent; lokale und regionale Unterschiede waren selbstverständlich. Freilich, erst nach dem 2. Weltkrieg wurde die Imbisskultur so stark, dass sie die mitteleuropäische Nahrungskultur nachhaltig veränderte. In Deutschland startete der Pommes-Hype in den Pommes frites-Buden*, gefolgt von den Würstelbuden, neben denen sich dann in den 80er Jahren die griechischen, türkischen und asiatischen Schnellimbisse ausbreiteten, weil sie den Reiseerlebnissen und wachsenden Einpersonenhaushalten entgegenkamen. Die zwischenzeitlich sich etablierenden amerikanischen Burger-Schnellrestaurants zerstörten dabei nicht die Kultur der Imbissbuden, sie ergänzten sie.**

Was macht Imbissbuden und Kioske so anziehend?

Seit dem Salone Internazionale del Gusto 2010, der großen Slow Food Messe in Turin, ist auch dem Street Food eine eigene, große Fläche eingeräumt. Und hier traf man sich, verweilte, plauderte mit Fremden und Freunden, aß und kostete die traditionellen Angebote. Es war der Platz, an dem man Pause machte – wie die Kölner ARD-Tatort-Ermittler bei ihrem Kiosk am Rheinufer. Imbissbuden und Kioske sind Stätten der Begegnung und des Meinungsaustauschs mit dem Charme der unverbindlichen Zufälligkeit und dem Vergnügen der umstandslosen Befriedigung der Esslust zum kleinem Preis.

Street Food ist also eine Ernährungsrealität mit großer Tradition und breiter Akzeptanz in der Bevölkerung. Freilich, die meisten Angebote sind austauschbare Industrieprodukte und von zweifelhafter Qualität. Street Food im Slow Food Sinne wie beim Salone del Gusto in Turin zu erleben, ist ganz anders: mit einem klaren lokalen Bezug, der sich darin zeigt, dass das Produkt lokale Lebensmittelhandwerker repräsentiert und eine lokale oder regionale Tradition aufgreift. Außerdem sollte es von guter Qualität sein, also wirklich gut schmecken, die Zutaten natur- und umweltfreundlich erzeugt und weitestgehend frei von Zusatzstoffen sein. Und der Preis sollte alle am Erzeugungsprozess Beteiligten repräsentieren und nicht nur dem Verkäufer des Endproduktes schmecken.

Lokale Imbisskultur – auch ein Imagefaktor

Street Food kann durchaus die kulturelle Individualität einer Stadt verstärken und ihren Ruhm in alle Welt hinaustragen. Drei Beispiele fallen mir dabei spontan ein: Florenz beispielsweise wäre wirklich ärmer, gäbe es nicht mehr das Kuttelgericht „auf die Faust“, das Lampredotto (fein geschnittener Rinder-Labmagen mit grüner oder roter scharfer Soße) in einem runden Brötchen, das die „Kuttelmänner“, die Trippai, aus ihren mobilen Kesseln auf den Plätzen der Stadt verkaufen. Was wäre Hof ohne den „Wärschtlamo“, der mit einem umgehängten, mit Holzkohle befeuerten Bauchrost aus Messing durch die Straßen Hofs zieht und die langen, dünnen, gegrillten Hofer Bratwürste anbietet? Wieviel hätte Coburg verloren, könnte man die auf Kiefernzapfen geröstete Coburger Bratwurst nicht mehr auf dem Marktplatz oder sonst wo in Coburg genießen!

Gutes, lokal betontes Street Food mit traditioneller Basis ist mehr als eine gute Speise, es ist der Geschmack eines Ortes, einer Landschaft, die wir darin erkennen. Gutes, lokales Street Food ist es wert, erhalten und gefördert zu werden.

Hans-Werner Bunz

*Europäische Esskultur, Gunter Hirschfelder, S. 247, Campus Verlag
** dgl. Seiten 252/25

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