Der Wolf im Schafspelz

Der Wolf aus dem weit …
… entfernten Brüssel hatte sich einen Schafspelz so geschickt übergezogen, dass er tatsächlich wie ein Schaf aussah. Auch seine Stimme hatte ein mildes und sanft-schmeichelndes Timbre. Und so sprach er also zu den versammelten Bio-Bauern: „Oh freuet euch, ihr Bio-Bauern, ich bringe euch gute Mär.“ „Hört, hört!“, riefen die Bauern, „da sind wir aber gespannt!“ „Wir wollen“, sprach das Schaf aus Brüssel bedächtig, „eure Bio-Produkte künftig richtig gut schützen, viel besser als bisher, denn sie sind ja so wertvoll.“ Da nickten die Bauern zustimmend und sagten „Das hört sich ja gut an.“ Und das Brüsseler Schaf hob die Stimme und rief ganz emphatisch: „Eure guten Produkte müssen wie Leuchttürme sein, ein Muster der Reinheit!“ Die Bauern horchten auf und sagten: „Aber das sind sie doch!“. Gütig nickte das Schaf: „Im Prinzip habt ihr ja Recht, doch ihr wisst ja selber, dass wir in Brüssel die konventionelle Landwirtschaft auch pflegen müssen. Deshalb haben wir euch Bio-Bauern bisher – ich gebe es reumütig zu – doch einige winzige Verschmutzungen zugemutet, zumuten müssen, um auch euch Kosten zu ersparen.“ Die Bauern brummten zustimmend. „Doch nun“, das Schaf aus Brüssel hob die Stimme merklich, „wollen wir die Wertigkeit des Bio-Produktes ganz deutlich machen mit dem Versprechen der absoluten Reinheit!“

Die Bio-Bauern guckten sich an – und wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten; es klang irgendwie unerfreulich. „Ist ja schön und gut“, sagten sie zum Schaf aus Brüssel, „was genau meint ihr eigentlich mit dieser absoluten Reinheit?“ „Oh“, des Schafes Stimme war weich und schmeichelnd, „oh, ihr werdet euch freuen über unseren Plan: Wir wollen Bio-Produkte mit null Toleranz! Also 100 Prozent bio! In allem! Ohne eine Abweichung! Ohne Ausnahme.“

Die Bio-Bauern wiegten die Köpfe. „Hm“, sagten sie, „hm, hm, hm.“ Endlich stand einer auf und sagte zum Schaf aus Brüssel: „Meine Felder sind umzingelt von Feldern konventioneller Bauern, und die spritzen alles mögliche Zeug. Und sie spritzen auch, wenn der Wind weht. Und der weht dann das Zeug auch auf meine Felder.“ Das Schaf aus Brüssel blickt kummervoll drein: „Ja, das ist Pech.“ „Kriege ich dann eine Entschädigung für meine verunreinigte Ernte?“ „Nicht von uns aus Brüssel.“ „Aber dann bleibe ich ja auf meinem Produkt sitzen“, klagte der Bauer, „obwohl ich alles richtig gemacht habe und hundert Prozent Bio-sauber gearbeitet habe.“ „Da musst du die Nachbarn verklagen“, riet das Schaf aus Brüssel. „Aber wie soll ich beweisen, wer was gespritzt hat und welche Sorte von welchem Nachbarn stammt?“ Der Bauer ist jetzt etwas lauter geworden. Kummervoll guckt wieder das Schaf aus Brüssel: „Tja, das ist Pech.“ „Wenn das so ist mit der neuen Vorschrift, dann kann ich gleich Bio aufgeben!“ wütet erregt der Bio-Bauer. Seine Kollegen im Rund heben die Faust. „Aber, aber, das ist doch kein Grund zur Aufregung. Dann macht ihr halt wie früher wieder konventionelle Landwirtschaft, die unterstützen wir ja auch.“ Mit einem breiten Lächeln zieht das Schaf aus Brüssel die Lefzen hoch und lässt die wölfischen Reißzähne blitzen.

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