Artgerechte Tierhaltung

– aus vielen Gründen:

Immer mehr Menschen essen Fleisch. Weil das Fleisch so billig ist. Weil die Massentierhaltung weltweit rasant zunimmt. Weil immer mehr Menschen Fleisch essen, weil…..

Was wie ein Circulus vitiosus, ein Teufelskreis, klingt, verschleiert ein Faktum: Die Massentierhaltung war zuerst da. Und sie entstand nicht irgendwo, sondern in den industriell entwickelten Ländern, also in Europa und Nordamerika – und nach dem 2. Weltkrieg. Noch in den 1950er Jahren gab es in Deutschland bei den meisten bürgerlichen Familien nur einmal in der Woche richtig Fleisch, und die Reste am Tag danach in verwandelter Form als ein neues Gericht. Ich erinnere mich, dass bei uns eine gewisse Zeit es auch am Samstag (damals arbeitete noch jeder 48 Stunden in der Woche, auch den halben Samstag – und die Wege zur Arbeit waren auch in Großstädten zusätzlich zeitraubend) Sauerkraut mit Blut- und Leberwurst als schnelles Essen gab. Was sich dann vielleicht abwechselte – nach der ersten Reise nach Italien – in Spagetti mit Fleischsoße.

Damals schlachteten – auch in den Städten – noch viele Metzger selbst. Sie kannten ihre Bauern und wussten, wie die Tiere aufwuchsen. Und in den Ställen waren im Durchschnitt je Halter 11 Rinder bzw. 10 Schweine; die meisten Halter hatten aber deutlich weniger. Immerhin hatten in Deutschland 1999 noch 42.000 der 238.000 Rinderhalter und 49.000 der 141.000 Schweinehalter max. 9 Rinder bzw. Schweine im Stall. Freilich der Durchschnitt durch das sogenannte „Bauernsterben“ war schon auf fast 63 Rinder und 168 Schweine pro Betrieb gewachsen. Vor allem die Großbetriebe Ostdeutschlands sorgten für dieses Durchschnitts-Wachstum, brachten sie doch das fast Dreifache des Bundesdurchschnitts pro Betrieb ein. Bis 2013 schließlich ging laut Bundesministerium für Landwirtschaft und Forsten die Zahl der Betriebe weiter zurück: da waren’s nur noch 130.000 Rinder- und 49.000 Schweinehalter. Gestiegen hingegen ist die durchschnittliche Anzahl der Tiere pro Betrieb: auf 95 Rinder und 586 Schweine.

Und die Ställe werden immer noch größer – 1.000 und mehr Schweine sind längst keine Seltenheit mehr und die industrialisierten Tierhalter denken bereits an Ställe mit vielen Tausenden von Tieren. Auch in den USA und in Argentinien ist die Welt der Cowboys und Gauchos vorbei: Die Gatterhaltung explodiert geradezu und damit die massive Zufütterung mit allerlei extra angebauten Futtermitteln. Die Massentierhaltung verursachte in den letzten Jahrzehnten eine Überschwemmung des Marktes und sorgte für eine extreme Verbilligung von Fleisch auf dem Weltmarkt – und bei uns in der Fleischtheke. Für die deutschen Bauern ist die Schweinehaltung geradezu ruinös geworden: wenn man nicht gar drauflegt beim Verkauf, sind es – für ein Tier mit 100 bis 120 kg Schlachtgewicht – tatsächlich nur ein paar Euro über den Gestehungskosten, die der Schweinehalter erzielt! Mit der Verindustrialisierung der Tierhaltung verschlechterte sich in den meisten Betrieben das Rinder- und Schweineleben. Die meisten Schweine leben auf Spaltenböden ohne je eine Möglichkeit zu haben, nach Schweineart in einem natürlichen Boden wühlen zu können. Nicht weniger brutal werden die meisten Hühner und Puten gehalten. Und auch die Hochleistungsmilchkühe haben kein sonniges Leben. Außerdem haben sie alle ein ganz kurzes Leben.

Lebendige Produktionsmaschinen
Die Tierfarmen sehen die Tiere als Produktionsmaschinen. Geflügel ist deshalb so degenerativ gezüchtet, dass die armen Tiere fast nur aus Brust bestehen und gegen Ende ihres armseligen Lebens kaum auf den eigenen Beinen stehen, geschweige denn laufen können. Schweine müssen über ihrer Jauchegrube in Boxen leben, die kaum größer sind als sie selbst, Milchkühe werden mit eiweißüberschüssigem Kraftfutter gemästet, das vor allem nur den Labmagen beansprucht, statt mit Gras, wofür das Rind vor allem seinen Pansen, Netz- und Blättermagen hat, um daraus Milch zu produzieren. In der Massentierhaltung werden Masthähnchen zwei Tage älter als einen Monat, Schweinen gönnt man höchstens vier, maximal sechs Monate und die Hochleistungsmilchkuh kommt nach durchschnittlich 2,5 Laktationsperioden, also im Durchschnitt mit kaum fünf Jahren, zum Schlachter. Deutschland ist inzwischen – wie man stolz verkündet – zum Schlachthof Europas geworden. Und produziert weit mehr Fleisch als die eigene Bevölkerung verspeist: Export heißt das Sehnsuchtswort der Rinder-, Schweine- und Geflügelbarone, fleißig gefördert durch die Politik.

Slow Fooder für artgerechte Tierhaltung
Um kein Ko-Produzent für die Massentierhalter zu werden, können Slow Fooder eigentlich nicht anders entscheiden, als mit dem Einkauf ein Ko-Produzent artgerechter Tierhalter zu sein. Zumindest in einer Umfrage durch Slow Food im Jahr 2013 sprachen sich die Mitglieder und auch die Erzeuger der Presidi (it. für Schutzgemeinschaften) für eine artgerechte Tierhaltung aus. Rund 70% der Befragten äußerten sich besorgt über die Auswirkungen des derzeitigen Fleischverbrauchs und der Produktionstendenzen auf Gesundheit und Umwelt. Und ca. 60% gaben an, dass Tiere als empfindsame Wesen respektvoller behandelt werden sollten. Die überwältigende Mehrheit von 90% war der Meinung, dass artgerechte Tierhaltung in ihrem Heimatland nicht genügend Aufmerksamkeit erfährt und fast 50% der Befragten forderten von Slow Food, die Institutionen für das Thema zu sensibilisieren und die Landwirte bei ihrem Einsatz für bessere Tierschutzstandards zu unterstützen.

Slow Food hat deshalb ein Positionspapier (siehe www.slowfood.com) zur artgerechten Tierhaltung veröffentlicht. Der Verein belässt es dabei nicht mit der Forderung nach artgerechter Tierhaltung, sondern nimmt sich selbst in die Pflicht durch eine unterstützende Zusammenarbeit mit den Tierhaltern. Slow Food verpflichtet sich aber auch, die Konsumenten für das Thema artgerechte Tierhaltung und ein Reduzieren des Fleischkonsums zu sensibilisieren. Dieser Beitrag zum Thema ist nicht der erste dazu. Ganz aktuell ist zudem eine Untersuchung der vom Slow Food Convivium Hohenlohe-Tauber-Main-Franken für den deutschen Slow Food Genussführer empfohlenen Gasthäuser hinsichtlich des Bezugs von Fleisch artgerecht gehaltener Tiere.

Hans-Werner Bunz

 

 

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