Bewahren statt vernichten

Zwei Erden reichen nicht,…

…lebten alle heutigen Menschen wie wir. Deshalb müssen wir anfangen zu verzichten.

 Es ist keine neue Nachricht: Wir zerstören unsere Lebensgrundlage planmäßig. Schon heute benötigten wir mehr als zweieinhalb Erden, wollten alle so leben wie wir Deutschen. Und wollten alle leben wie die Nordamerikaner, müssten sogar vier Erden her. Der neueste WWF-Bericht bestätigt nur, was kritische Wissenschaftler schon seit Jahren sagen – und natürlich auch mit Zahlen belegen. Inzwischen gibt es jede Menge Bücher auf dem Markt, die präzise Szenarien vorlegen für einen Wandel, der heute noch mit relativ wenig Schmerzen möglich sei. Die Politik ist sich des Themas seit Jahrzehnten bewusst und organisiert Weltkonferenzen, die aber enttäuschend verlaufen; denn der Egoismus triumphiert. So hatten die USA jegliche Kohlendioxid-Minderung verweigert bis November 2014, wo sie endlich ein Versprechen verkündeten: mindestens 26 Prozent weniger Treibhausgase bis 2025. China, heute der größte CO2-Emittent – doppelt so viel wie die USA – versprach am selben Tag lediglich 20 Prozent erneuerbare Energien bis zum Jahr 2030. Und dabei ist der durch CO2 deutlich verstärkte Klimawandel – heute 30 Prozent mehr CO2 in der Atmosphäre als 1958! – nur eine Auswirkung unseres Immer-mehr-haben-wollens mit der einhergehenden Verschwendung.

Nicht minder dramatisch ist auch der Raubbau an den bergbaulichen Ressourcen der Erde. Zwar werden immer wieder neue Fundstätten entdeckt, doch der aktuelle Verbrauch übersteigt – egal um welche Ressource es sich handelt – bei weitem die Vorräte der neu entdeckten Lagerstätten (Ugo Bardi: Der geplünderte Planet). Ein sprechendes Beispiel dafür ist Kupfer: Erntete man einst aus 100 kg Gestein 20 kg Kupfer, ist heute das Verhältnis Gestein zu Kupfer 100 bis 500 zu 1. Dadurch stieg der Kupferpreis in eine Höhe, die Diebsgesindel verlockt, Kupferdächer als lukratives Verkaufsobjekt zu stehlen.

Noch dramatischer ist der Verlust der Artenvielfalt. Laut „Living Planet Reports 2014“ (Herausgeber: WWF) verschwand in den letzten 40 Jahren die ungeheure Zahl von 52 Prozent der biologischen Vielfalt, gemessen an der Zahl der Wirbeltiere! Das ist ein Überschreiten der Belastungsgrenze um ein Vielfaches. Klimawandel, Waldrodung, Umwandlung von Gras- in Ackerland, die Versiegelung von Böden durch Bebauung entzogen den Tieren Lebensraum und Nahrung. Aber auch 75% der landwirtschaftlichen Vielfalt ist weltweit seit Anfang des 20. Jahrhunderts verschwunden und mit ihnen auch Kulturwerte und traditionelles Wissen. Der ökologische Fußabdruck des Menschen, das Maß unserer Ressourcennutzung ausgedrückt in gha (globaler Hektar), beträgt heute im weltweiten Durchschnitt 2,6 gha – trotz 20-prozentiger Steigerung der Biokapazität (das Maß der biologisch produktiven Landfläche) während der letzten 50 Jahre. Diesem Fußabdruck von 2,6 gha stehen pro Kopf nur 1,7 gha Biokapazität gegenüber. In Deutschland ist das Verhältnis noch schlechter: jeder von uns verbraucht 4,6 gha, dem nur eine Biokapazität von 1,9 gha gegenübersteht. Weil die Erdbevölkerung weiter wächst (in den letzten 50 Jahren von 3,1 auf 7 Milliarden!), wird das Verhältnis noch schlechter werden.

Nachhaltigkeit – vielfach ein Lippenbekenntnis
Das Wort nachhaltig ist nicht neu. Schon 1713 verwendete es Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk Silvicultura oeconomica im Zusammenhang mit der Ressource Wald. Wikipedia definiert Nachhaltigkeit als „Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem die Bewahrung der wesentlichen Eigenschaften, der Stabilität und der natürlichen Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Systems im Vordergrund steht.“              Heute meint man damit „eine Entwicklung, die ökonomische, soziale und ökologische Dimensionen gleichermaßen berücksichtigt.“ In der Praxis freilich wird meist nur die ökonomische Seite betont – von der Politik, von den Unternehmen, von den Menschen. Für Politik und Wirtschaft gibt es nur das „alternativlose“ Vorstellungsbild des unendlichen Wachstums. Und in der Landwirtschaft hält die chemische-pharmazeutische Industrie ihre Produkte, die Böden und Menschen schädigen, für nachhaltig, während die Biotechnik-Industrie mit Gentechnik und Saatgutmonopolen die Vielfalt verdrängt. Der Bürger ist theoretisch für Nachhaltigkeit, praktisch macht er täglich das Gegenteil – angefangen bei der Verschwendung von Lebensmitteln über den Kauf des neuesten Smartphones, nur weil es das neueste ist, bis zum Online-Handel mit kostenlosem Rückgaberecht, von dem man gerne und oft Gebrauch macht. Und seit die Spritpreise drastisch nach unten sackten, vermelden die Hersteller der großen, und deshalb deutlich mehr Sprit und Ressourcen schluckenden SUVs (Sports Utility Vehicle), die man vordringlich zum Einkaufen und ins Büro fahren nutzt, erhebliche Nachfragesteigerungen.

Nachhaltigkeit beginnt im Kopf
„Es ist genügend Wissen und es sind genügend negative Beispiele angehäuft, die uns zwingen müssten, unsere Lebensstile in den entwickelten Ländern nachhaltig auszurichten ….“, heißt es im Vorwort des Grundkurs Nachhaltigkeit (oekom Verlag München). Aber was noch weitgehend fehlt ist, dieses Wissen auch wissen zu wollen, es zu reflektieren und daraus sein Verhalten zu ändern: Nachhaltigkeit beginnt im Kopf. Sie sei, so die Autoren des Buches, deshalb „kein Zustand, sondern ein ständiger Prozess des Suchens, des Diskutierens und des Abstimmens – und schließlich des Gestaltens.“

Das Wissen über die Natur ist heute bei fast allen Bürgern der Industriestaaten weitgehend mehr als lückenhaft. Das fängt schon damit an, dass für viele Kinder Salat das Wort für grünes Gemüse ist, egal ob Spinat, Mangold, Wirsing oder Grünkohl. Wer nimmt noch Vogelstimmen wahr beim Joggen im Wald mit Musik dudelnden Lautsprechern im Ohr? Natur ist für zu viele nur noch Kulisse für Freizeitvergnügen. Verständnis für die heimische Landschaft und ihrer Agro-Ökosysteme – die Grundlage für Nachhaltigkeitswissen – gewinnt man damit nicht. Doch auch ohne profundes Wissen kann man etwas tun gegen die Zerstörung unseres Planeten. Und dieses Tun beginnt im Kopf. Nämlich mit der Frage: Brauche ich es wirklich – und aus welcher sachlichen Notwendigkeit? Und falls ja: Gibt es eine Ressourcen schonende Alternative?

Hans-Werner Bunz

Foto: Max Hendlmeier. Ein historischer Pfahlweinberg, der größte Deutschlands, mit traditionellem Fränkischen alten Satz (18 Sorten!), wurde vom Slow Food Convivium Hohenlohe-Tauber-Main-Franken vor dem Verfall gerettet und wieder instand gesetzt. 2014 gab es die erste Ernte nach der Restaurierung. Die Reben sind 80 bis 100 Jahre alt. Der Weinberg erfordert reine Handarbeit wie seit eh und je.

 

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