Warum Vielfalt unerlässlich ist

Die Natur erschafft Vielfalt…
…ganz allein. Und sichert damit das Überleben der Arten. Sie erschafft Alternativen. Und die Arten oder Unterarten, die sich am besten den lokalen Gegebenheiten anpassen, überleben und vermehren sich an diesem Ort, in dieser Landschaft. Anpassung ist das Prinzip der Natur, wer das nicht kann, hat an diesem Orte nichts verloren und verliert. Insofern gehört Artensterben zur Natur. Denken wir nur an Saurier und Mammuts, an Riesenschachtelhalm und Auerochs. Doch das Artensterben war nicht nur gestern, es geht auch heute munter weiter, allerdings schlimmer als je zuvor: täglich verschwänden 3 – 130 Arten, heißt es, 100 bis 1.000 Mal mehr als der natürliche Artenschwund.

Der Mensch als Vielfalt-Vermehrer
Freilich, der Mensch war – zumindest in der Vergangenheit – auch ein Vermehrer der Vielfalt. Er züchtete neue Arten, Unterarten und Varietäten sowohl bei den Tieren wie bei den Pflanzen. Der Sinn dahinter war der Nutzen, den er aus dem Neuen zog. Ein Wildhund wurde zum schützenden Haushund domestiziert, und daraus machte der Mensch den Schoßhund und andere Subspezies. Aus den Wildschweinen züchtete er die Unterart Hausschweine – und diese wiederum in eine kollossale Vielzahl von Varietäten. Gleiches gilt für die Pflanzen. Der Weizen beispielsweise, den wir heute kennen in zahlreichen Varietäten, ging wohl vom Einkorn aus, auch dieser bereits ein Kulturprodukt. Und viele Landschaften entstanden durch den Menschen: einerseits vernichtete er dabei botanische Vielfalt, andererseits steigerte er sie, denken wir nur an die wesentlich größere Planzenvielfalt beweideten natürlichen Grünlandes.

Der Homo oeconomicus als Vielfalt-Vernichter
Das alles war gestern. Heute verursacht der Mensch auf vielerlei Art ein enormes Sterben von Varietäten, Unterarten und sogar von Arten. Auch hier ist es der Nutzen, aber in einer anderen Definition: es zählt nur noch der individuelle ökonomische Nutzen. Dafür werden rigoros zahllose Habitate vernichtet (bekannte Beispiele sind Palmöl- und Soja-Monokulturen statt Amazonas-Urwald) oder habitatfremde, die Ureinwohner verdrängende Tiere eingeführt (so verdrängt die schneller wachsende amerikanische Regenbogenforelle die heimische Bachforelle – ein kulinarischer Rückschritt zudem). Der nur aufs ökonomische gerichtete Blick sorgt fürs Verschwinden heimischer Landrassen. Das Deutsche Landschwein ist heute in beinahe jedem Schweinestall. Nur wenige andere Rassen überleben auf Archehöfen oder sind seltene Spezialitäten wie das echte Schwäbisch-Hällische Schwein, das lt. Rudolf Bühler, Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und Retter des so genannten Schwarzköpfle, gerade mal 350 Herdbuchtiere zählt. Oder das Bunte Bentheimer Schwein, das von Slow Food in die Arche des Geschmacks wegen Aussterbegefahr aufgenommen wurde. Ähnlich sieht es aus bei den Rindern. Auch hier hat die Milchhochleistungsrasse Holstein-Frisian zum Beinahe-Verschwinden anderer Rassen beigetragen; das Limpurger Rind oder das Fränkische Gelbvieh sind nur zwei Beispiele dafür. Beispiele, die sich auch beliebig auf Pflanzen ausdehnen lassen.

Die Verarmung der Landschaften schreitet immer rascher voran. Wer mit offenen Augen um sich blickt, sieht die immer zahlreicher werdenden Monokulturen der Energiepflanzen und der sich nicht selbst vermehrenden Ackerfrüchte. Der Bienen Habitate sind heute eher die Wohngärten in den Städten, denn die Flur, weil auch die Wiesen mit schnell und hoch wachsendem, andere Gräser und Kräuter unterdrückendem Futtergras bestückt werden. „Die Beschleunigung technischer Revolutionen in allen Lebensbereichen und die wachsende Konzentration wirtschaftlicher Macht in der Hand weniger Menschen und Organisationen hat eine zunehmende Vereinheitlichung der Produktion und der menschlichen Kultur in unserer Welt hervorgebracht. Sie zerstört die genetische Vielfalt von Wild- und Kulturpflanzen, der Tierwelt, aber auch die Vielfalt von Sprachen und Kulturen in einem beispiellosen Tempo“, heißt es im Manifest zur Zukunft des Saatguts, herausgegeben 2007 von der Internationalen Kommission Zukunft der Lebensmittel und Landwirtschaft, deren Vorsitzende Vandana Shiva ist.

Slow Food verteidigt weltweit die Biodiversität
Stirbt die Vielfalt, stirbt auch der Mensch. „Von 80.000 Nutzpflanzenarten wurden in den vergangenen Jahrtausenden etwa 5.000 bis 6.000 genutzt. Heute werden rund 150 Arten intensiver kultiviert; nur acht davon sind für den Welthandel interessant. Das Aussterben unzähliger Kulturpflanzenarten und -sorten bei gleichzeitigem Einsatz von Hybridsorten und Züchtungen mit unfruchtbaren Samen (Terminatortechnologie) in Verbindung mit Eigentumsrechten gefährdet die Zukunft des Saatgutes und unsere Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln„, fürchten die Autoren des Manifestes. Mit Recht. Denn seit dem Jahr 1900 sind drei Viertel aller Nutzpflanzensorten weltweit von den Äckern verschwunden. Und davon ist nicht nur unser Essen betroffen, sondern auch das der Tiere, die wir essen.

Die Vielfalt zu erhalten, ist deshalb eines der großen Anliegen von Slow Food. Ganz besonders ist die sich daraus ergebende Vielfalt unseres Essens im Visier, die zwingend notwendig ist zur Erhaltung unserer Gesundheit; denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein: ohne Vielfalt im Essen droht Mangelernährung. Vielfalt ist aber auch notwendig für die Erhaltung unserer Landschaften und die damit verbundene Kulturvielfalt. (Foto: Reinhard Benkenstein)

Hans-Werner Bunz

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