Muttererde oder der Schoß des Lebens

Rettbar: der Boden

Einst, vor undenklichen Zeiten, war der blaue Planet leer und wüst, nur Gestein, Sande, Metalle, Mineralien und Wasser, und seine atmosphärische Hülle war ohne Sauerstoff. Es war das Wasser, wo das Leben seinen Anfang nahm. Einfachste Bakterien bildeten sich in ungeheuren Zeiträumen. Einige Arten fingen irgend-wann an, sich zu vergesellschaften und setzten als so genannte Blaualgen die Photosynthese in Gang, und damit die Sauerstoffproduktion. Weitere rund 2 Milliarden Jahre dauerte es, bis echte Zellen entstanden, die sich statt durch Teilung durch „Paarung“ vermehrten und zu Vielzellern entwickelten. Und dann zu hö-heren Lebewesen, die mittels Photosynthese die Atmosphäre mit so viel Sauerstoff anreicherten, nämlich 10 Prozent, dass die ersten Pflanzen das Land erobern konnten. Das war vor rund 400 Millionen Jahren.(1)
Und nun ging es schnell. Denn die Pflanzen verbreiteten sich flugs und verdoppelten in „nur“ 100 Millionen Jahren den Sauerstoffgehalt auf das heutige Niveau. Nun erst konnten die Tiere aus dem Wasser an Land gehen (2) und zu Insekt, Kriechtier, Vogel und Säugetier werden. Neben der Sauerstoffanreicherung verrin-gerten die Pflanzen durch Photosynthese gleichzeitig das Kohlendioxyd in der Atmosphäre. Sie nutzten – und tun das bis heute – den Kohlenstoff für ihr eigenes Körpergerüst als Stängel, Stamm, Zweig, Blatt, Früchte und im Boden als Wurzeln. Und auch die Tiere, die Pflanzen und Tiere fressen, tun das gleiche: sie verwandelten den Kohlenstoff der anderen fürs eigene Leben und Wachsen. Und schaffen neues mit ihren Ausscheidungen: Als Dung sind diese ein gefundenes Fressen für die Pilze, Bakterien, Mikroben im Boden, die daraus durch Verwandlung Humus und Nährstoffe für höhere Bodentiere erschaffen. Auch ihr Tod ist ein Gewinn: sie geben den in ihnen gebundenen Kohlenstoff an die Erde zurück.(3)

Humus – die lebendige Erde
Das Leben auf unserem Planeten ist ohne fruchtbare Erde, die Muttererde, nicht möglich. Je humusreicher die Erde, desto fruchtbarer ist sie. Humus ist lebendige Erde und besteht aus 15 Prozent lebender und 85 Prozent toter – einst ober- und unter irdische Lebewesen – organischer Substanz; über 50 Prozent sind gebundener Kohlenstoff. Jedes Kilo Kohlenstoff mehr im Humus bedeutet über 3,6 Kilo CO2 weniger in der Atmosphäre. Lebendige Erde ist also nicht nur Muttererde, sondern auch Kohlenstoffspeicher. Und Wasserspeicher; denn jeder Humuspartikel speichert das Zwanzigfache seines Gewichts an Wasser.(4) Je dicker die Humusschicht ist oder gebildet wird, desto nachhaltiger ist der Boden hinsichtlich Fruchtbarkeit, Wasserspeicherung und die Atmosphäre entlastenden Kohlenstoff – und umgekehrt. Das Erhalten der (möglichst dicken) Humusdecke, der lebendigen Erde, bzw. deren Aufbau, wo sie gering oder tot, ist also keine idealistische Aufgabe, sondern zwingende Notwendigkeit für das Überleben auch der Spezies Mensch auf unserem Planeten. Leider geschieht das Gegenteil.
Unseren Globus bedeckt zu 70 Prozent Wasser. 40 Prozent der Landfläche ist Grasland, wovon 70 Prozent von der FAO (Food and Agriculture Organisation der UN) der Landwirtschaft zugeordnet werden als Weideland.(5) Dieses Grünland ist ein gigantischer Klimaschützer, weil er mehr als ein Drittel des Kohlenstoffs speichert – vor allem in den Wurzeln. Sicherlich auch deshalb haben die Agrarminister der drei „grünen“ Bundesländer Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in ihrem 20-Punkte-Programm zur Europäischen Agrarpolitik nach 2013 (GAP) gefordert, das Umwandeln von Dauergrünland in Ackerland grundsätzlich auszuschließen. Eine Forderung, die notwendig ist, weil das Gegenteil allerorten geschieht. Die restlichen 60 Prozent der Landfläche verteilen sich auf Wüsten, Wälder und Urwälder, felsige Gebirge, Siedlungen, Verkehrswege – und Ackerland. Weil die Wüsten, die Siedlungen, die Verkehrswege und die Zahl der Menschen wachsen, schrumpfen die auch Wälder und die Urwälder – und das Ackerland.

Intensivlandwirtschaft – der Humuskiller
Ackerland bindet aufgrund seiner geringen Wurzelmasse relativ wenig CO2, setzt aber beim Umbrechen der Scholle große Mengen frei – nicht nur beim Umwandeln von Grünland, auch bei jedem Pflügen. 95 Prozent der deutschen Landwirtschaft ist Intensiv-Landwirtschaft, Massenproduktion, und spiegelt das Credo der Agronomen und Wirtschaftpolitiker: Monokulturen, wohin man blickt, nicht nur der Energiepflanzen sondern auch der Lebensmittel- und Futterpflanzen. Mit massivem Einsatz von Kunstdünger und Gift, den Pflanzenschutz-Mitteln. Das fatale Ergebnis: Überdüngung und Vergiftung der Böden. Das Bodenleben geht „vor die Hunde“, die lebendige wird zur toten Erde, die auch noch durch Erosion verweht. Dem versucht man entgegen zu arbeiten: mit noch mehr Kunstdünger und noch mehr Pflanzenschutzmitteln.
Profiteure dieser Agrar- und Wirtschaftspolitik sind die Oligopolisten des patentierten Saatguts und der Pharmaindustrie in Gemeinschaft mit den Giganten der Nahrungsmittelindustrie und der Maschinen- und Fahrzeughersteller. Verlierer sind die Böden, das Klima und der Planet. Also auch wir, Sie und ich. Der erodierende Humus entlässt Kohlenstoff in die Atmosphäre. Und bei der Herstellung von Kunstdünger und hochgiftigen Pflanzenschutzmitteln werden enorme Mengen Energie ein und Lachgas frei gesetzt. Sogar auch beim Einsatz auf dem Acker. Lachgas ist 295 mal klimaschädlicher als CO2 – und ist der am schnellsten wachsende Klimaschädling. Fügt man noch hinzu die Intensiv-Viehhaltung mit ihrem enormen Einsatz von Pharmazeutika und Kraftfutter, für das Urwälder und Grünland umgewandelt werden in Monokulturen für Soja und Mais, sowie den gigantischen Anfall von Gülle, die auf die Äcker und Monograsfelder ausgestreut wird in viel zu hohen Konzentrationen – dann wird klar: die Muttererde ist zum Tode verurteilt, wenn keine Änderung eintritt, und zwar rasch.

Eine andere Politik ist zwingend
Die weltweite aktuelle Lebensmittelproduktion erlaube die Ernährung von 12 Milliarden Menschen, hat man ausgerechnet.(6) Die heutige Weltbevölkerung sind 58 Prozent davon. Es wird also zu viel produziert. Freilich, der Agrar-Pharma-Industriekomplex und in seinem Gefolge die Politik wollen die Produktion weiter steigern mit ihren patentierten Pflanzen und einem Mehr ihrer Gifte und Kunstdünger. Schamlos argumentieren sie mit dem existierenden Hunger in der Welt, eine Rhetorik, bei der die Verursacher des Hungers sich als Weihnachtsmann verkleiden. Denn es geht ihnen nicht um das Beseitigen des Hungers, sondern um Profit. Und um Macht: Mit der Herrschaft über die Lebensmittel beherrscht man die Welt.
Die Vision eines Gegenentwurfs: Man stelle sich vor, die Politik würde die Landwirtschaft statt auf der Basis von Quantität auf der von Nachhaltigkeit, von Boden- und Klimaschonung fördern. Vorbei wäre es mit Monokulturen, Kunstdünger, Gülleseen, hochgiftigen Pflanzenschutzmitteln. Und vorbei auch mit den Subventionsfahrten(7) der Lebensmittel-Lkw, die immerhin rund 25 Prozent aller Lebensmitteltransporte auf unseren Straßen ausmachen sollen. Nicht mehr die Großproduzenten und Oligopole der Agroindustrie8 hätten das Sagen, sondern jeder Bauer könnte wieder ein wirklicher Bauer sein. Denn erstklassige Lebensmittelqualität und Nachhaltigkeit wären gefragt. Und dann könnten die ausgelaugten und toten Böden wieder gesunden und zur lebendigen Erde werden, zu Muttererde. Und auch die Tiere hätten es besser, könnten artgerecht und viel länger leben ohne Hochleistungsstress. Ansätze dazu gibt es längst: die Bio-Land-wirtschaft und jene Landwirte, die es ihr gleichtun ohne Zertifizierung, beweisen, dass es möglich ist. (Foto: Helga Bunz)

Hans-Werner Bunz

1, 2) Quelle: http://www.bernd-leitenberger.de/leben2.shtml
3, 4, 5) Anita Idel: Die Kuh ist kein Klima-Killer, Metropolis Verlag, S. 30, dgl. S. 31, dgl. S. 36
6) United Nations General Assambly (2008), Jean Zieger: Report of the Special Rapporteur on the right do food, A/HRC/7/5 Report of the Human Rights,Council (Main focus: Refugees from hunger)
7) Eine Ware wird über die Grenze exportiert mit Subventionsunterstützung, dort neu deklariert und über eine weiter Grenze mit erneuter Subventionsunterstützung exportiert usw.; sie kann auch wieder beim Erstexporteur als Import landen.
(8) Industriekomplex meist transnational tätiger Unternehmen, der die industriellen Inputs der landwirtschaftlichen Produktion (Dünger, Saatgut, Pestizide, Maschinen) wie auch die Weiter-verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte dominiert, aber häufig nicht unmittelbar (Vertrags-produktion) in der landwirtschaftlichen Produktion tätig ist. (Wirtschaftslexikon24.net)

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