Das Recht auf Essen

Heute hungern immer noch knapp eine Milliarde Menschen.

Als die UNO-Vollversammlung 1966 das Recht auf Essen akzeptierte, verpflichtete sie sich, die Menschen vor Hunger zu schützen. Doch das Recht auf Essen im UN-Sozialpakt1 hat nicht den gleichen Rang wie das Recht auf Leben im UN-Zivilpakt.2 Slow Food will dies ändern und das Recht auf Essen in das Recht auf Leben integrieren. Denn wie soll Leben möglich sein ohne Essen? Genau diese Frage führt zu einem Kernproblem unseres Systems: Das Recht zu essen steht nicht nur dem zu, der Geld hat Essen zu kaufen, sondern auch dem, der mittellos ist. Aber schon immer waren es die Armen, die Hungers starben. Vor diesem Hintergrund wird es zynisch, wenn sich Unternehmen der Agro- und Lebensmittelindustrie zu Rettern aufspielen und versprechen, mit ihrem klassischen Konzept – mehr Technik und mehr Geld für mehr Produktion – das Hungerproblem der Welt lösen. Ein heuchlerisches Versprechen, denn weiß diese Industrie doch genau, dass bereits seit Jahren die Welt Lebensmittel für fast die doppelte globale Bevölkerung produziert.

Genau so wenig wie Industriefirmen lösen leider die Staaten das Hungerproblem. Der UN-Sozialausschuss hat 1999 in seinem Allgemeinen Kommentar 12 zum UN-Sozialpakt den Staaten Pflichten auferlegt zur Sicherung des „Rechts auf eine angemessene Ernährung“ (so der offizielle Titel des Artikels 11): 1. Der Staat darf niemand das Essen und den Zugang dazu verweigern. 2. Der Staat hat die Pflicht, die Menschen zu schützen vor der Verletzung ihres Rechts auf Essen durch Dritte. 3. Der Staat muss durch politische Maßnahmen auch den Schwächsten Zugang zu Ressourcen ermöglichen, im Notfall auch durch direkte Hilfen. Daraus folgt schlicht, dass der Staat den Menschen und nicht den Märkten Priorität einräumen muss. Eine Pflicht, die allzu viele Staaten sträflich verletzen, obwohl sie zu den Unterzeichnern der Charta gehören. Und darunter muss man auch die WTO (Welthandelsorganisation) subsummieren, die durch das Pochen auf freien Welthandel die armen Staaten erpresst, Importe zuzulassen und dadurch zerstörend wirkt auf die inländischen Märkte und die landes- oder regionstypischen Produkte.

Die Anerkennung des Rechts auf Essen als ein Menschenrecht ist ein Versprechen vor Hunger zu schützen. Mit heute knapp einer Milliarde Hungernden weltweit und über 24.000 Hungertoten täglich, so die Schätzung der Welt-Ernährungs- und –Landwirtschaftsorganisation FAO, ist dies wohl das über Jahrzehnte am massivsten verletzte Menschenrecht3. Hunger, so Slow Food International, ist eine andere Form von Sklaverei; in zu vielen Fällen ist es eine politische Sklaverei, weil Regierungen darin verwickelt sind. Der Kampf gegen diese Art der Sklaverei müsse entschieden geführt werden – auch durch Slow Food, heißt es dazu in einem Grundsatzpapier4.

Doch Slow Food hat noch ein weiteres Problem ausgemacht. Im Artikel 11 des UN-Sozialpakts, in dem das Recht auf Essen fixiert ist, findet sich auch die Formulierung der „stetige(n) Verbesserung der Lebensbedingungen“. Eine Formulierung, die für alle Menschen gilt, also auch für uns; für uns, die wir doch fast alles haben. Dieses Recht ist in den Augen Slow Foods unverhältnismäßig. Diese Unverhältnismäßigkeit zeigt sich in jenen Weltregionen (und vor allem in Afrika), wo das bedenkenlos fortgesetzte „Noch mehr!“ der Vermögenden (Nationen, Unternehmen, Personen) das Recht der anderen auf Essen massiv beeinträchtigt und so die Zahl der Hungernden täglich vergrößert. Genussvolles Essen, gründend auf den Leiden anderer, kann es nicht geben.

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob das existenzielle Menschenrecht des Zu-Essen-habens mit Geld verbunden sein muss. Braucht es wirklich immer Technik und Geld? Diese Frage beantwortet Slow Food auf ihre Art: Die inzwischen umfängliche Erfahrung insbesondere durch die Presidi5 und die Terra-Madre-Lebensmittelgemeinschaften bestätigt den von Slow Food reklamierten Respekt vor den lokalen traditionellen Landwirtschaftsformen. Sie sind nachhaltig und werden praktiziert vor allem von den indigenen Völkern, den Kleinbauern und den Frauen. Ihnen gelingt damit Ernährungssicherheit – auch hinsichtlich der Qualität, dem Zugang und der Vielfalt der Speisen. Dies bestätigt das Slow Food Projekt „1.000 Gärten in Afrika“. Anders als jene Systeme, die wenige Produkte in Massen erzeugen ohne jeden Bezug zu den lokalen Kulturen. Auf Grund des Erfolgs wurde das Slow Food Projekt inzwischen auf 10.000 Gärten in Afrika exponentiell erweitert.

Nicht das Recht auf Essen, sondern sogar das Recht auf genussreiches Essen fordert das nach wie vor gültige Gründungsmanifest von Slow Food aus dem Jahre 1989. Doch genussreich hat hier nichts mit teuer zu tun. Damit sind Lebensmittel gemeint, die deshalb genussreich sind, weil sie von gut schmeckenden Pflanzen, Früchten, Tieren stammen. Sie schmecken gut, weil sie artgerecht, natur- und klimaschonend erzeugt werden. Und weil handwerkliche Könner sie zu lokalen Lebensmitteln, Getränken und Speisen verwandeln. Slow Foods lokale Gärten folgen diesem Konzept und sind damit im Kampf gegen den Hunger weit effektiver und erfolgreicher als der klimaschädliche Welthandel. (Foto: Alexandra Herterich)

Hans-Werner Bunz

1 ) UN-Pakt über soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte (Sozialpakt),
2) UN-Pakt über bürgerliche und politische Rechte (Zivilpakt), beide von 1966, 1976 in Kraft getreten, 3) de.wikipedia.org, 4) Slow Food Kongressdokument 2012 „Die zentrale Stellung des Essens“, 5) Schutzgemeinschaften für Passagiere der Slow Food Arche des Geschmacks®,

 

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