Verändert das Netz die Esskultur?

Die Food-Fotografen der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wirkten stilbildend für die Präsentation auf dem Teller der Gastronomen. Gilt das auch für die Amateure der sozialen Netzwerke?

Das Alles und Jedes fotografieren mit dem Handy ist schon länger nicht mehr zu übersehen. Dass die Leute nun auch ihr Essen fotografieren, Teller für Teller, ist neu. Vor allem aber ist neu, dass man jetzt auch sein Essen im Internet zur Schau stellt. Überraschend ist es freilich nicht. Für einen sozialen Netzwerker, der ja vorwiegend private Erlebnisse publiziert, ist es eigentlich nur folgerichtig, auch die privaten Tafelfreuden mitzuteilen. Und die Kameraindustrie surft bereits auf dieser Welle: ihre Digitalapparate sind mit der Voreinstellung ‚Speisen’ versehen. Sie macht Food-Fotos leckerer. „Immer mehr Menschen,“ schreibt die Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz (Zeigt her eure Teller, Der Tagesspiegel, 10. März 2012), „greifen vor der Gabel zur Kamera.“ Es scheint ein Tsunami zu sein: Bei Facebook für Fotos, wo – so Mercedes Bunz – „Bilder mehr sagen als Worte, ist eines auffällig: Essen ist das Motiv Nr. 1, wenn es um die Darstellung des privaten Lebens geht.“

Einst, als Kochbücher nur für professionelle Köche und erfahrene Hausfrauen geschrieben wurden, reichte die Rezeptur des Gerichts mit der Beschreibung der wesentlichen Schritte. Selbst Kochbücher zur Köcheausbildung, wie z.B. der Pellaprat, boten erst in späteren Auflagen Fotos, gesammelt in einem Bildteil; sie waren nicht mehr als eine sachliche Darstellung der Speise. Fotografisch aufwändiger, meist aus der Vogelperspektive (um den Zusammenklang der Elemente des Gerichtes zu zeigen), waren die schönen, schlichten Inszenierungen auf den Tellern in den 80er und frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. So geschmückt waren sogar die Kochbücher von Küchenheroen wie beispielsweise Eckart Witzigmann, Heinz Winkler, Dieter Müller oder Henry Levy. Keine Frage: Die Stylisten waren die Köche, nicht die Fotografen. Die einst einflussreiche Vierteljahreszeitschrift „Gourmet“, die nach gut 100 Ausgaben 2001 ihr Erscheinen einstellte, behielt mehr oder weniger diesen – exzellent fotografierten – Stil bis zum Ende bei. Dieser Stil hat die Welt der Gastronomie stark geprägt: bis heute ist er für viele gute Profi- und Hobbyköche Vorbild für das Anrichten auf dem Teller. Doch von den Testern darf, wer heute so anrichtet, keinen Stern erwarten.

Heutige Food-Fotografie für die Topgastronomie ist sichtbar aufwändiger. Wobei unklar ist, wer stachelt wen an: der Koch den Fotografen oder der Fotograf den Koch? Einerseits mutieren Köche inzwischen zu bildenden Künstlern und schaffen händeverschlingende Skulpturen und filigrane Gebilde auf dem Teller. Andererseits entwerfen Fotografen Bildkompositionen aus allerlei Perspektiven, als Nah- und Detailaufnahmen oder wahrhaft künstlerische tellerfreie Arrangements. Nicht genug damit, Effekt steigernd werden die Speisen auf Schiefer, Marmor und anderen Untergründen oder in Spezialgeschirren arrangiert. „Im Keller stapeln sich ganze Geschirrgebirge“, hörte ich kürzlich einen Koch klagen. Maximale Vielfalt und überraschender Anblick, so scheint es, kommen die Restaurants teuer. Schon deshalb wird diese Entwicklung keine Zukunft haben und die zugehörige Fotografie auch keine breitenwirksame Stilbildung.

Ganz andere Auswirkungen könnte hingegen die im Internet immer höher schwappende Homestory- und Sehtherwasichgegessenhabe-Bildnerei haben, die hunderttausende, ja Millionen Angucker findet. Zu sehen ist die ganze Bandbreite: von normalen bis ganz ausgefallenen Speisen, von schlicht angerichteten bis aufwändig dekorierten, von heimischen bis exotischen. Kommunizierte die professionelle Food-Fotografie vom Koch geschaffene Teller-Ästhetik und wirkte als Lehrstück für Profi- wie Hobbyköche, stellt sich nunmehr die Frage, was der private, massenhafte Kulinarik-Exhibitionismus bewirken mag: verändert er des Publikums Esskultur (und wenn ja, wie)? Oder bestätigt er die vorhandene?

Die Motive dieser privaten kulinarischen Veröffentlichungslust riefen inzwischen allerlei Seelendeuter auf den Plan. Viel wahrscheinlicher aber scheint mir, dass dahinter vor allem die schlichte Freude am guten Essen steckt. Und diese will man als sozialer Netzwerker mit seiner persönlichen Community, seinen Freunden, teilen: eine virtuelle gemeinsame Tafelei, eine Plauderei übers Essen (was man ja tut, wenn’s Essen schmeckt!). Das sich outen im „Ich sage Dir, was ich esse, und Du weißt, wer ich bin“, ist dabei ein erstrebter Mehrwert.

Gewöhnlich sind es ja eher die schönen Momente, die man öffentlich macht. Es ist daher keine verwegene Annahme, dass bevorzugt die gut aussehenden (und wahrscheinlich auch gut schmeckenden) Speisen ins Netz gestellt werden. Das Veröffentlichen ist deshalb auch mehr als ein Selbstlob („schaut her, was ich Gutes/Spezielles/Besonderes verspeiste“), es ist auch ein Lob an den Erzeuger, den Koch, die gastliche Stätte – auch wenn es die eigene Küche war. Und genau darin liegt die verändernde Kraft dieser Bewegung. Denn je mehr solch schöner und leckerer Tafelfreuden das Netz bevölkern, desto mehr verändern sie das Bewusstsein der Netzwerker: Qualität bekommt Stellenwert, leckeres Anrichten ist Pflicht. Verpönt sind Langweiligkeit und billige Gewöhnlichkeit.

So könnte diese Lust des Herzeigens seiner Teller das bewusste Essen und, als Folge, das gute Essen, das Essen aus guten Lebensmitteln, fördern. Addiert man dazu den zu beobachtenden Trend des Zuhausekochens, dann kann daraus ein entscheidender Beitrag zu einer besseren Ernährungskultur erwachsen: Essen, wie Slow Food es liebt, gut, sauber und fair. Das genaue Gegenteil zur heutigen Massenernährung: Good by industrielle Nahrungsmittelindustrie!

Hans-Werner Bunz

(Anmerkung: Die Kulturwissenschaftlerin Dr. phil. Mercedes S. Bunz ist die Tochter des Autors

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