Über Zeit

Slow Life ist die Kunst des Sich-Zeit-nehmens.

Zeit scheint heute ein kostbares Gut zu sein: Keiner hat Zeit. Mein achtjähriger Enkel hat keine Zeit, mit mir mehr als ein paar Worte zu telefonieren: ihn fesselt ein Spiel. Der Berufstätige hat auch keine Zeit, er legt sogar Wert darauf, keine zu haben: es signalisiert Bedeutung. „Zeit ist Geld“ – dieses geflügelte Wort beflügelt alle und lässt sie durch den Tag hetzen, flatterhaft, multi-tasking geschäftig, des einstigen sowjetischen Generalsekretärs Gorbatschows Worte, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, im Nacken.

Genauer betrachtet freilich, hat mein Enkel Zeit – für sein Spiel nämlich; es ist ihm eben wichtiger als sich mit mir zu unterhalten. Er widmet ihm alle Zeit, so lange es ihn interessiert. Manager, die erfolgreichen, haben auch Zeit: sie nehmen sich viel davon, z.B für ihre Mitarbeiter oder das wichtigste Problem.

Ist Zeit Geld?
Das Wort „Zeit ist Geld“ gebar der Prostetantismus: zur seiner Ethik gehörte, Müßiggang zu meiden. Zeit haben hieß, müßig sein, und müßig sein hieß, sündig sein. Folglich war Arbeiten die einzig sündenfreie Alternative. Und so kam es, dass manch protestantische Richtung Reichtum sogar als Gotteslohn für besonders gottgefällige Zeitnutzung sah. Vor allem in den angelsächsischen Ländern – aber nicht nur dort – hat diese Sicht die Zeit zu einer Banalität gemacht: zu einer Art Münze. Doch noch nie gelang es, Zeit in eine allgemeingültige pekuniäre Währung zu übersetzen. Einem Börsianer kann eine Minute verspätetes Reagieren Millionenverluste bescheren, einem Designer tagelanges Kopfzerbrechen zwar eine großartige Idee, aber dennoch keinen geschäftlichen Erfolg bringen. Ist Zeit also Geld? Nein, Zeit ist weder eine Währung, noch ein Konto. Zeit und Geld stehen in keinem inneren Zusammenhang. Wer Zeit hat, hat nicht unbedingt Geld, wer Geld hat, hat nicht unbedingt Zeit. Vergessen wir also diesen sophistischen Syllogismus.

Zeit ist nicht Zeitpunkt
Und wie steht’s mit Gorbatschows Wort „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“? Nicht die Zeit ist hier der Angelpunkt, sondern der Zeitpunkt. Wir kennen das von Verabredungen: Zu spät zum Rendezvous gekommen – die Angebetete verpasst. Wir hatten vielleicht zuvor genug Zeit, doch dem Zeitpunkt hatten wir nicht genug Wichtigkeit beigemessen.

Zeit haben und Zeit nehmen sind zwei verschiedene Fakten: Ersteres ist Gegebenes, durch einen Zeitpunkt begrenzt oder auch nicht, letzteres ist eine Prioritätenentscheidung zugunsten einer bestimmten Angelegenheit – und zu Lasten anderer.

Was hat das mit Slow Life zu tun?
Übersetzt heißt Slow Life eigentlich etwas Unsinniges: Langsames Leben. Freilich: Leben ist nicht langsam oder schnell. Es sind vielmehr wir, die wir – bei Fast Life – meinen gehetzt zu sein, keine Zeit zu haben, die Zeit zu schnell verrinnen zu sehen, weil wir fürchten, die uns – auch von uns selbst – auferlegten Aufgaben nicht zeitgerecht erfüllen zu können. Je mehr wir meinen, äußeren Einflüssen gerecht werden zu müssen, je weniger also unser Wille maßgeblich ist, desto rascher fühlen wir uns in Zeitnot. Wollen aber wir etwas, und zwar etwas Bestimmtes, ist also unser Wille maßgeblich und zielgerichtet, dann nehmen wir uns Zeit genug für das Bestimmte – und lassen gerne etwas anderes bleiben.

Slow Life ist also eher eine Einstellung, denn eine objektive Verlangsamung. Siehe mein achtjähriger Enkel. Und schon gar nicht ist Slow Life kontemplatives Leben oder gar Nichtstun. Slow Life bedingt nur eins: sich zu entscheiden – statt von Vielem ein bisschen, von Wenigem das Ganze.

Hans-Werner Bunz

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