Mit Müßiggang verändert man nicht das System!

Meine versprochene Antwort an Klara von der I-Akademie.

Wir leben in einem falschen System. Immer mehr Menschen auf unserem Planeten – nicht Millionen, nein, Milliarden – leiden darunter, und es werden täglich mehr. Auch die Stimmen mehren sich, die ein anderes System fordern. Vor allem in den renommiertesten Publikationen. In DIE ZEIT Nr. 39/2011 berichtete Susanne Gaschke über einen Besuch bei Tom Hodgkinson, ein Brite, der in seinen Büchern den Müßiggang propagiert als Rettung vor dem System der Ausbeutung von Mensch, Umwelt und Ressourcen. Und diese heißt bei ihm: sich beschränken und bescheiden, sich dem Konsumismus verweigern, und dafür Zeit gewinnen, sich hinzugeben den schönen Dingen wie lesen, plaudern, im Garten oder im Bastelkeller werkeln, zu spielen, auf dem Lande wohnen, gut und fröhlich essen und so viel wie möglich selbst zu machen, weil man damit viel Geld spare, das man deshalb nicht verdienen müsse.

Auch Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), stimmt in einem Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. August 2011 (Online-Ausgabe 15.08.) unter dem Titel „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, dem erzkonservativen englischen Charles Moore zu, der sagt, eine Systemänderung sei notwendig, die Linken (nicht gemeint ist die Partei „Die Linke“) hätten schon lange „verstanden, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnung bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern.“ Und: Der linke Satz, das politische System diene nur den Reichen, dieser bislang von den Bürgerlichen als falsch eingeschätzte Satz, sei nun ein richtiger, sagt Moore. Frank Schirrmacher fügt hinzu, die Krise der bürgerlichen Werte sei allgegenwärtig, aber das bürgerliche konservative Establishment (in Deutschland) habe keine Antwort darauf.

Hodgkinsons Wehr gegen das System ist der Rückzug ins Private, verbunden mit dem Aufruf: „Macht es wie ich, seht her, es geht!“ Sein ist die Hoffnung, wenn viele so handeln, dann ändert sich was. Aber das ist wie bei vielen grundsätzlichen, neuen Ideen: Es dauert Jahrzehnte, bis sich überhaupt ein nennenswerter Erfolg zeigt. Das Beispiel Bio-Lebensmittel zeigt es überdeutlich: mehr als 30 Jahre sind vergangen und noch immer ist die Bio-Lebensmittelproduktion in Deutschland nur bei rund fünf Prozent der Gesamtproduktion. Hodgkinsons Einstellung ist ehrenwert, aber wenig effektiv.

Die Analyse von Moore und ihre Unterstützung durch Frank Schirrmacher und andere war und ist wichtig und richtig und notwendig gewesen. Denn sie sind äußerst respektierte und der Neiddiskussion oder linker Sozialromantik völlig unverdächtige Personen mit großem Einfluss. Sie haben eine Diskussion angestoßen, die noch lange nicht zu Ende sein wird. Und das ist gut so. Aber weiß man, was am Ende – und wann wird das wohl sein? – dabei heraus kommt?

Fast unbemerkt – und wenn, dann von vielen Journalisten als elitärer Club gut situierter Genießer diffamiert, weil dieser nicht nur für alle Menschen das Recht auf Essen, sondern auf genussreiches Essen fordert – hatte Slow Food aber schon vor über 20 Jahren das formuliert, was heute in den renommiertesten Zeitungen über das System, in dem wir leben und unter dem wir leiden, beklagt wird. Und es war mehr als eine Analyse, es war ein Aufruf zur Tat, zur wehrhaften, aber gewaltfreien, ja, zur genussreichen Tat: Im Manifest von 1989 heißt es „…Wir sind alle von einem Virus befallen: Fast Life! Unsere Lebensformen sind umgestürzt, unser häusliches Dasein betroffen – nichts kann sich der Fastfood-Bewegung entziehen. Aber der Homo sapiens muss sich von einer ihn vernichtenden Beschleunigung befreien und zu einer ihm gemäßen Lebensführung zurückkehren. Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das > Fast Life < zu verteidigen…“

Es blieb nicht bei der Forderung. Im Gegenteil, Slow Food hat in den vergangenen gut 20 Jahren weltweit auf vielen Ebenen viel getan, das weltweite System des Fast Life, dessen Turbomotor der Konsumismus und – für jedermann sichtbar in der Finanzmarkt-Ökonmie – der enthemmte Kapitalismus ist, zu konterkarieren in seinen Auswirkungen durch die Verwirklichung alternativer Wirtschafts- und Lebensformen in aller Welt. Und mehr und mehr Weltorganisationen hören mehr und mehr auf das, was Slow Food sagt und tut. Die Projekte hier aufzuführen und auch die Erfolge führe zu weit, deshalb empfehle ich die Webseiten http://www.slowfood.com sowie http://www.terramadre.org.

Hans-Werner Bunz

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Ein Gedanke zu “Mit Müßiggang verändert man nicht das System!

  1. Hodgkinson ist wohl kaum als Prophet der Veränderung für das Große und Ganze zu bezeichnen, diesen Anspruch erhebt er auch gar nicht. Egal ob seine Ideen effektiv sind oder nicht, er regt zum Denken und zur Lebensfreude an. Man muss nicht mit ihm vollständig übereinstimmen. Wie auch immer, seine britische Sichtweise ist wohltuend.

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