Ist Slow Life eine Utopie?

Rennen Sie sofort zum Telefon, wenn es läutet? Und werden Sie unruhig, wenn Sie niemand anruft? Haben Sie Ihr Handy immer dabei und auf Empfang gestellt? Simsen und Twittern Sie tüchtig? Ist Ihr erster Blick auf den E-Mail-Eingang nach dem Öffnen Ihres Rechners? Blicken Sie schnell morgens auf Ihre Online-Zeitung? Sind Sie Mitglied bei Facebook und haben viele aktive Freunde? Läuft der Fernseher oder das Radio bei Ihnen von morgens bis abends? Nutzen Sie Ihr privates Faxgerät häufig oder bekommen darauf Post? Hören Sie Musik beim Joggen im Wald? Wissen Sie oft nicht, wo Ihnen der Kopf steht? Klagen Sie, dass Sie zuviel um die Ohren hätten? Dann geht es Ihnen so, wie den meisten von uns. Und wenn Sie dann noch weite Wege zur Arbeit haben oder zum Einkaufen, die Kinder zum Sport, Ballett, zum Musizieren oder zur Nachhilfe bringen müssen, sich noch im Elternbeirat oder ehrenamtlich engagieren – dann, ja dann haben sie das volle Programm. Kein Wunder also, wenn Sie sich ständig gehetzt fühlen, häufig das Gefühl haben, es nicht zu schaffen.

Wir haben jede Menge Maschinen erfunden, die uns Zeit sparen: Das Auto – wir kamen nie schneller an einen anderen Ort, die E-Mail – dagegen ist die Post eine Schnecke, das Fernsehen oder Radio – wir haben die neuesten Nachrichten aus aller Welt in Echtzeit im Haus. Doch statt die gewonnene Zeit für uns zu nutzen, zwingen uns die neuen Maschinen zu rascher Reaktion oder verleiten uns, statt in der Stadt mit Infrastruktur weit draußen im Dorf zu wohnen ohne eine solche.

Alle Welt lebt so. Und weil das so ist, fühlen wir uns gedrängt mitzuhalten. Wir fürchten, täten wir es nicht, ausgegrenzt zu werden, an den Rand gedrängt. Und – seien wir ehrlich: Wir genießen das Tempo auch, das keine Zeit haben, von anderen immer gefordert zu sein und überall dabei zu sein und bei allem mitzureden und mitzuwirken. Ein Leben ohne Streß, Hetze, Erlebnisfülle scheint uns kein „reiches“ Leben zu sein. Im Innersten freilich wissen wir, dass dieses „reiche“ Leben ein armes Leben ist. Und so versuchen wir im Urlaub, an Weihnachten oder an einem Wochenende das wahre reiche Leben zu leben – und scheitern meist daran, weil wir es voll packen mit Erwartungen und Planungen. Ist Slow Life, das entschleunigte Leben, also eine Utopie?

Hans-Werner Bunz

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2 Gedanken zu “Ist Slow Life eine Utopie?

  1. Guten Tag, Herr Bunz,

    wir erstellen derzeit ein neues Deutschlehrwerk für die französische Sekundarschule und würden hierfür gern ihren Blogeintrag abdrucken.
    Wir hoffen, dass Sie keine Einwände haben. Wenn Sie möchten, können wir Ihnen gerne ein Exemplar unseres Buches zusenden.

    Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen
    Sebastian Cramer

    1. Grüß Gott, Sebastian Cramer,

      das ist – als ein erster Kommentar auf meinem Blog – eine angenehme Überraschung. Und auch eine ehrenvolle. Ich bin deshalb gerne einverstanden, dass Sie diesen Text für diesen Zweck einsetzen.

      Ihr
      Hans-Werner Bunz

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