Entschleunigt euch!

Das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny (1983, Piper Verlag) erzählt die Geschichte des Nordpolforschers John Franklin, der die Nordwestpassage sucht und – zumindest in Nadolnys Buch – schon von Kindheit an langsam ist: im Sprechen, im Denken, in den Reaktionen. Dieser Mensch brauchte sich nicht zu entschleunigen, er war es schon; er maß die Zeit nach eigenen Maßstäben. Franklin, er lebte tatsächlich, nämlich von 1786 – 1847, machte nach allerlei Abenteuern vier Expeditionen, bei der letzten verlor er gar sein Leben. Doch was wie ein Scheitern erscheint, ist am Ende ein Sieg: Er wurde unsterblich. Das gesamte Inselgebiet nördlich des kanadischen Festlandes heißt „District of Franklin“.

Langsam kommt in Mode
Dieses Buch hatte mich von Anfang an fasziniert, weil sein Thema unserem Zeitgeist diametral entgegenstand. Fastlife war ja schon in den späten 70ern angesagt und ist es heute mehr denn je. Das Thema Langsamkeit freilich war durch dieses Buch – nicht nur für mich – plötzlich ein Thema, das viele aufnahmen. Die Vorstellung, dass Fastlife nicht zwangsläufig zum Glück führt, fand in der Öffentlichkeit der 80er ein breites Echo. Und so war es kein Wunder, dass die Ideen einiger italienischer Linksintellektueller gegen das Fastlife nicht nur in Italien sondern auch in vielen anderen Ländern sich rasch ausbreiteten: Slow Food war entstanden, eine Non-Profit-Organisation bis heute, die rund 100.000 Mitglieder zählt in über 100 Ländern.

Die Entschleunigung des Alltagslebens, das ist es, wovon viele, und ich wage zu behaupten die meisten, träumen. Doch sie fühlen sich als Getriebene. Und sind es wahrscheinlich auch. Getrieben vom so genannten Zeitgeist. Getrieben von der Werbung (man hat noch nicht das neueste, das alle haben? Unglaublich!). Sie haben sich der Fremdbestimmtheit ergeben, lassen sich führen – und merken es nicht einmal. Ja, sie meinen sogar, Fastlife sei effizient – und verwechseln dabei Hektik mit Schnelligkeit.

Ein Manifest für die Langsamkeit
„Wir sind Sklaven der Geschwindigkeit und unterliegen alle demselben heimtückischen Virus der Schnelllebigkeit, die unsere Gewohnheit durchbricht, in die Privatsphäre unseres Zuhause vordringt und uns dazu bringt, uns mit Fastfood zu ernähren. Um seinem Namen zur Ehre zu gereichen, müsste der Homo Sapiens sich selbst von diesem Tempo befreien, bevor er von diesem verschlungen wird.“ Dieser Erkenntnis im Slow Food Manifest wird als Lösung anempfohlen: “ Die einzige Schutzmaßnahme, um dem universellen Wahn der Schnelllebigkeit etwas entgegen zu setzen, ist der standhafte und stille materielle Genuss.“ Und man fährt fort: „Unsere Schutzmaßnahmen sollten mit Slow Food, mit bewusstem Essen, bei Tisch beginnen. Lasst uns die Aromen und Geschmäcker der regionalen Küchen neu entdecken und die degradierenden Auswirkungen von Fast Food verbannen.“

In der Tat, dem Fastlife entgegentreten kann man am leichtesten in seinen eigenen vier Wänden. Und nirgendwo leichter als bei Tische. Das Slow Life fängt schon damit an, dass man nicht im Stehen einen Happen „einwirft“, sondern sich zu Tische setzt. Teller, Besteck und Glas eindeckt und sich dabei schon vorfreut auf das, was man bald zwischen den Zähnen haben wird. Allein durch dieses einfache Ritual verändert man alles: Neue Aufmerksamkeit wirft man auf das, was es geben wird (mit dem einhergehenden kritischen Bewusstsein hinsichtlich des zu erwartenden Vergnügens), bewusste Wahrnehmung der Genussqualität stellt sich ein (die im negativen Falle dazu führen wird, sich vergnüglicher zu ernähren – und den Konsumenten zum kritischen und somit vom vorformulierten zum unabhängigen Konsumenten macht). In der Tat, das sich Entschleunigen beginnt am einfachsten beim täglichen Essen.
Hans-Werner Bunz

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