Optimierte Seite

Es war höchste Zeit geworden, die Seite neu zu organisieren. Ich gebe zu, es hat mich mehr Zeit gekostet, als erwartet. Aber mit Geduld kommt man dann doch hinter die organisatorischen Geheimnisse dieses Blogs. Nun habe ich Seiten angelegt mit Unterseiten, deren Themen unter den Reitern über den Bild beim Antippen erscheinen. Weitere Reiter und Themen werden bald folgen.
HW Bunz

Was ich tun kann für die Welt (2)

Es war so geplant: einen zweiten Artikel sollte es zu diesem persönlichen Thema geben. Und vorher sollte eine gewisse Zeit vergehen, bis ich dazu etwas schreibe; denn ich wollte mein Verhalten in einem Punkt ändern, nämlich mein Auto intelligenter nutzen. Ich gebe zu, ich bin mit ihm zuviel gefahren. Nicht um die großen Strecken geht es, sondern um die kleinen. Von Zuhause in die Stadt beispielsweise. Oder von meiner Stadt zur Bezirkshauptstadt, die gut 40 km entfernt ist.

Ich habe mir also Anfang des Jahres vorgenommen, mein Auto weniger zu nutzen. Weil Autofahren doch erheblich a) mit seinem CO2 Ausstoß dazu beiträgt, den CO2 Gehalt in der Atmosphäre ansteigen zu lassen mit ungünstigen Auswirkungen auf das Klima, b) den Verbrauch fossiler Ressourcen beschleunigt. Hinzu kommt noch, dass Autofahren teuer ist. Meine Fahrten (und das sind die meisten – auch hinsichtlich der Kilometerleistung) aufs Land oder zu Terminen in weit entfernte, eher abseits der guten Bahnverbindungen gelegenen Orte kann ich nicht ersetzen durchs Zufußgehen oder das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel. Aber ich könnte es bei den Kurzstrecken.

Und genau das habe ich seitdem ziemlich konsequent getan. Ja, es ist sogar fast zur Gewohnheit geworden – und ist somit kein Strohfeuer für eine kurze Zeit. Für die Fahrten in die Bezirkshauptstadt nutze ich die Bahn: das braucht kaum mehr Zeit, ich spare viel CO2 ein und spare sogar noch Geld dadurch. Zwar fahre ich mit dem Auto rund 3 km zum Bahnhof, parke dort aber – mit etwas Glück sogar kostenlos. Das Bahnticket ist so günstig (weil ich einen zeitabhängigen Sondertarif nutzen kann und ich am Ziel keinen teuren Parkplatz bezahlen muss), dass das Nutzen des eigenen Wagens teurer wäre. Und noch ein Vorteil: Ich kann ein Gläschen Wein trinken bei den Besprechungen bzw. zum Essen, dessen Alkoholgehalt Stunden später kaum messbar ist, wenn ich mich in mein am Heimatbahnhof abgestelltes Fahrzeug setze.

Die kurzen Strecken vom Haus in die Stadt (ca. 2 km) und/oder zurück radle ich oder gehe zu Fuß. Wenn’s regnet nehme ich den Stadtbus – er fährt alle 20 oder 30 Minuten. Mit Radeln und Gehen habe ich zugleich einiges für meine Fitness getan. Und außerdem einiges Geld gespart. Sehe ich doch bei meinem Wagen, wieviel Sprit er braucht für diese kurzen Strecken – und auch das Parkgeld ist nicht unbeträchtlich. Und auch mit dem Bus spare ich, da Hin- und Rückfahrt deutlich günstiger ist als die Pkw-Kilometerkosten plus Parkgeld. Alles in allem also: weniger CO2 in der Luft, dafür mehr Geld im Geldbeutel und verbesserte Fitness.

Kleine Schritte sind auch Schritte. Machen viele solche Schritte, resultiert daraus am Ende große Wirkung. Zugunsten des Klimas von morgen.

2013 oder was ich tun kann für die Welt (1)

Über 1.300 Mal wurde mein Blog bisher aufgerufen – und es waren Menschen aus vielen Ländern der Welt dabei, nicht wenige darunter, die vermutlich kein Deutsch verstehen. Ich bin mir bewusst, dass meine Texte Gedanken und Nachdenkliches bieten, aber nichts dabei ist, das mein privates Leben ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Das bleibt auch so. Gedanken und Nachdenkliches werden auch weiterhin diesen Blog kennzeichnen. Heute, am Anfang eines neuen Jahres – und wahrscheinlich nicht nur heute -, denke ich ein wenig darüber nach, was ich für die Welt tun kann. Nicht etwas Besonderes, sondern etwas ganz Alltägliches. So wird auch dies zu etwas Unpersönlichem, denn was ich im Alltag tun kann, können Sie, lieber Leser, liebe Leserin ebenso.

Zukunft findet jeden Tag statt

Je jünger jemand heute ist, desto wichtiger ist der Blick in die Zukunft, die seine Zukunft und zugleich die Zukunft vieler ist, in mancher Hinsicht sogar aller. Denn was gestern und vorgestern war, ist nicht vorbei, sondern wirkt weit in die Zukunft hinein. Das Heute und Morgen verstärkt oder mildert diese Wirkungen. Denn morgen ist das Heute von gestern. Zukunft ist hier nicht die persönliche Zukunft, denn diese kann niemand voraussehen wegen der individuellen Einflussfaktoren, wie beispielsweise Schicksalschläge, unkontrollierbare externe Einflüsse, Charaktereigenschaften usw.. Mit Zukunft meine ich die Zukunft von uns allen, die wir die Erde bevölkern.  Denn egal, wo wir leben, überall beeinflusst jeder von uns mit seinem Leben und seinen Aktivitäten die Welt als Ganzes – alles hat bereits seit vorgestern globale Auswirkungen.

Was wir tun, das können wir zum Guten und zum Schlechten tun. Auf mich bezogen mag das von winzigstem Ausmaß sein, aber es ist ein Ausmaß. Und wenn viele Gleiches oder Ähnliches tun, dann erzeugt dieses Tun ein großes, fühlbares Ausmaß. Wir sind wohl nahezu 7.000.000.000 Menschen auf der Welt. Und alle tun wir etwas. Das hat Auswirkungen auf alle. Und damit auch auf Sie und mich. Wenn wir also Zukunft gestalten wollen, müssen wir das täglich tun. Wir können dabei das, was wir gestern falsch gemacht haben, nicht aus der Welt schaffen; was wir aber können ist, es heute und morgen besser zu machen und damit unseren Beitrag leisten für eine bessere Zukunft.

Mit dem Alltag die Welt verändern?

Was ist mein Alltag? Nun, zuerst einmal essen – drei, manchmal vier Mahlzeiten am Tag – und trinken, immer nach Bedarf. Wie langweilig, wie banal! Oh nein, überhaupt nicht. Denn das Essen (und Trinken) von uns Menschen hat gewaltigen Einfluss auf ungeheuer vieles: Klima, Bodenfruchtbarkeit, Wasser, Luft,  Ressourcen, Gesundheit (meine und die anderer), Investitionen, Arbeitsplätze, Politik und vieles andere mehr. Mit dem, womit ich mich ernähre, beeinflusse ich die ganze Welt. Und genau deshalb trage ich Verantwortung auch für die ganze Welt, nicht nur für mich.

Nehmen wir an, ich äße die Fertignahrung der Nahrungsmittelindustrie mit den bunten Bildern und großen Versprechungen auf der Verpackung. Dann müsste mir auch klar sein als moderner Mensch, dass:
– dahinter ein komplizierter, industrieller, also mit vielen Maschinen und hohem Energieeinsatz ausgestatteter Herstellungsprozess steht, sowohl für das Nahrungsmittel selbst als auch für seine Verpackung,
– zudem riesige Mengen so genannter Food Miles gefahren werden und dabei jede Menge Treibstoff verbrauchen, aber auch Straßenverschleiß verursachen;
– auch eine Landwirtschaft mit hohen Energie- und Maschineneinsatz dafür arbeitet,
– ganz zu schweigen vom Ressourcenverbrauch für die Herstellung von Maschinen, Verpackungen und Dünger, die Reparatur von Straßen (ein LKW beanspruche eine Straße wie 100.000 PKW, heißt es) sowie die notwendige Werbung, die einen erheblichen Anteil am Endpreis ausmacht.
Rechnet man das alles in CO2 um, dann kommt da Tag für Tag ein großer ökologischer Fußabdruck zustande, der unser Klima weiter aufheizt, die Umwelt schädigt, Böden auslaugt, öffentliche Reparaturinvestitionen verursacht und Geld bindet, das woanders vielleicht sinnvoller ausgegeben werden könnte. Die Schäden daraus sind unvermeidbar und werden viele auf der Welt treffen. Am meisten werden jene dafür bezahlen, die heute in den Dreißigern und jünger sind.

Mache ich weiter wie bisher?

Weil ich – besser gesagt wir, meine Frau und ich – das Gegenteil des oben beschriebenen Lebensstils leben, machen wir im Hinblick aufs Essen weiter wie bisher:
1. Einkaufen beim Gärtner, Metzger, Bäcker, Fischer in der Stadt und bei lokalen Landwirten  und Erzeugern in der nahen Umgebung; nur Milchprodukte kaufen wir im Supermarkt ein.
2. Wir bevorzugen grundsätzlich Bio-Produkte.
3. Wir kochen selbst und das jeden Tag (außer wir gehen essen im Gasthaus, was immer wieder mal der Fall ist, aber auch da bevorzugen wir nomralerweise solche Etablissements, die mit Produkten der Region arbeiten).
4. Die von uns bevorzugten Betriebe produzieren entweder in der Stadt oder nicht weit entfernt; was sie zukaufen beziehen sie überwiegend aus der nahen Umgebung: zwei “unserer” drei Metzger schlachten noch selbst und sind sogar Bio zertifiziert, die lokalen Gartenbaubetriebe sind an vier Wochentagen auf dem Wochenmarkt zugleich mit einigen Erzeugern aus der Umgebung. “Unsere” drei Bäckereien kaufen alle bei zwei Mühlen in der Umgebung (bei der kleineren kaufe ich auch mein Mehl in größeren Gebinden; denn diese Mühle hat nur Getreide von Bauern der Region). Der Fischhändler ist Fischer und fischt mehr oder weniger täglich im Fluss, dessen Wasser wieder fast Trinkwasserqualität  hat und an dessen Ufern unsere Stadt liegt; natürlich hat er auch Fische aus der Teichwirtschaft, doch auch diese sind nicht allzu weit entfernt.

Wir werden weiterhin im Spätsommer aus großer Tomatenvielfalt viele Gläser Tomatensoße kochen, die sich zur Suppe verwandeln lässt. Aus dem großen Früchteangebot ab Spätfrühling kochen wir Marmelade. Bei Gurken verlassen wir uns auf eine Bäuerin, die auch zu dünne Spargelstangen und bzw. deren Köpfe, die sonst unverkäuflich wären, delikat einweckt (letztere schmecken köstlich als Salat und sind perfekt zu gebratenen kleinen Rosenkranz-Bratwürstchen). Da wir auch selbst (gut) kochen und backen, verarbeiten wir alles bis auf das wirklich Ungenießbare, wie welke Blätter, Kartoffelschalen oder ausgekochte Karkassen. So gibt es bei uns fast keinen Plastik- und Verpackungsabfall und selbst der Abfall bei den Lebensmitteln ist gering. Summa summarum ergibt unser Lebensstil hinsichtlich des Essens einen relativ kleinen ökologischen Fußabdruck bei gleichzeitig großen Tafelfreuden, auf die wir sehr Wert legen.

Zeit – Geld oder Leben?
All das verlangt nach Zeit, Zeit zum Einkaufen, Zeit zum Verarbeiten und Zeit zum genussvollen Tafeln. Ein Anachronismus in einer Welt, in der Effizienz der Maßstab für mehr oder weniger alles zu sein scheint? Und spart man wenigstens Geld? Zeit sei Geld, behauptet ein aus den USA die Welt eroberndes Wort. Dem will ich entgegensetzen: Zeit ist Leben. Und kann man Leben mit Geld aufwiegen? Die Zeit, die meine Frau oder ich verwenden fürs Einkaufen und Zubereiten von Speisen und Backwerken ist eine Zeit der Begegnung mit durchaus interessanten Menschen und eine Zeit sinnvoller Tätigkeit; und für mich – nach einem beanspruchenden Tag in meinem Büro – auch eine Zeit der Erholung und Freude, ebenso wie das gemeinsame Tafeln mit den zugehörigen Gesprächen: wieviel Geld ist das wert? Es ist unbezahlbar.

Mit Müßiggang verändert man nicht das System!

Meine versprochene Antwort an Klara von der I-Akademie.

Wir leben in einem falschen System. Immer mehr Menschen auf unserem Planeten – nicht Millionen, nein, Milliarden – leiden darunter, und es werden täglich mehr. Auch die Stimmen mehren sich, die ein anderes System fordern. Vor allem in den renommiertesten Publikationen. In DIE ZEIT Nr. 39/2011 berichtete Susanne Gaschke über einen Besuch bei Tom Hodgkinson, ein Brite, der in seinen Büchern den Müßiggang propagiert als Rettung vor dem System der Ausbeutung von Mensch, Umwelt und Ressourcen. Und diese heißt bei ihm: sich beschränken und bescheiden, sich dem Konsumismus verweigern, und dafür Zeit gewinnen, sich hinzugeben den schönen Dingen wie lesen, plaudern, im Garten oder im Bastelkeller werkeln, zu spielen, auf dem Lande wohnen, gut und fröhlich essen und so viel wie möglich selbst zu machen, weil man damit viel Geld spare, das man deshalb nicht verdienen müsse.

Auch Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), stimmt in einem Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. August 2011 (Online-Ausgabe 15.08.) unter dem Titel "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat", dem erzkonservativen englischen Charles Moore zu, der sagt, eine Systemänderung sei notwendig, die Linken (nicht gemeint ist die Partei “Die Linke”) hätten schon lange “verstanden, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnung bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern.” Und: Der linke Satz, das politische System diene nur den Reichen, dieser bislang von den Bürgerlichen als falsch eingeschätzte Satz, sei nun ein richtiger, sagt Moore. Frank Schirrmacher fügt hinzu, die Krise der bürgerlichen Werte sei allgegenwärtig, aber das bürgerliche konservative Establishment (in Deutschland) habe keine Antwort darauf.

Hodgkinsons Wehr gegen das System ist der Rückzug ins Private, verbunden mit dem Aufruf: “Macht es wie ich, seht her, es geht!” Sein ist die Hoffnung, wenn viele so handeln, dann ändert sich was. Aber das ist wie bei vielen grundsätzlichen, neuen Ideen: Es dauert Jahrzehnte, bis sich überhaupt ein nennenswerter Erfolg zeigt. Das Beispiel Bio-Lebensmittel zeigt es überdeutlich: mehr als 30 Jahre sind vergangen und noch immer ist die Bio-Lebensmittelproduktion in Deutschland nur bei rund fünf Prozent der Gesamtproduktion. Hodgkinsons Einstellung ist ehrenwert, aber wenig effektiv.

Die Analyse von Moore und ihre Unterstützung durch Frank Schirrmacher und andere war und ist wichtig und richtig und notwendig gewesen. Denn sie sind äußerst respektierte und der Neiddiskussion oder linker Sozialromantik völlig unverdächtige Personen mit großem Einfluss. Sie haben eine Diskussion angestoßen, die noch lange nicht zu Ende sein wird. Und das ist gut so. Aber weiß man, was am Ende – und wann wird das wohl sein? – dabei heraus kommt?

Fast unbemerkt – und wenn, dann von vielen Journalisten als elitärer Club gut situierter Genießer diffamiert, weil dieser nicht nur für alle Menschen das Recht auf Essen, sondern auf genussreiches Essen fordert – hatte Slow Food aber schon vor über 20 Jahren das formuliert, was heute in den renommiertesten Zeitungen über das System, in dem wir leben und unter dem wir leiden, beklagt wird. Und es war mehr als eine Analyse, es war ein Aufruf zur Tat, zur wehrhaften, aber gewaltfreien, ja, zur genussreichen Tat: Im Manifest von 1989 heißt es “…Wir sind alle von einem Virus befallen: Fast Life! Unsere Lebensformen sind umgestürzt, unser häusliches Dasein betroffen – nichts kann sich der Fastfood-Bewegung entziehen. Aber der Homo sapiens muss sich von einer ihn vernichtenden Beschleunigung befreien und zu einer ihm gemäßen Lebensführung zurückkehren. Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das > Fast Life < zu verteidigen…"

Es blieb nicht bei der Forderung. Im Gegenteil, Slow Food hat in den vergangenen gut 20 Jahren weltweit auf vielen Ebenen viel getan, das weltweite System des Fast Life, dessen Turbomotor der Konsumismus und – für jedermann sichtbar in der Finanzmarkt-Ökonmie – der enthemmte Kapitalismus ist, zu konterkarieren in seinen Auswirkungen durch die Verwirklichung alternativer Wirtschafts- und Lebensformen in aller Welt. Und mehr und mehr Weltorganisationen hören mehr und mehr auf das, was Slow Food sagt und tut. Die Projekte hier aufzuführen und auch die Erfolge führe zu weit, deshalb empfehle ich die Webseiten http://www.slowfood.com sowie http://www.terramadre.org.

Hans-Werner Bunz

Lob der Langsamkeit

Zur Zeit lese ich Günter Grassens Alterswerk “Grimms Wörter”. Ein sprach- und wortmächtiges Werk. Ein Zitatenschatz auch. Und ein Kunstwerk der Zeitverwebungen. Unwillkürlich drängte sich mir eines Morgens – ich lese gerne morgens vor dem Aufstehen ein halbes Stündchen – eine Idee auf: Wäre es nicht lohnenswert, die Sprichwörter zum Lobe der Langsamkeit, des Slow Life zu sammeln? Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fesselt mich der Gedanke. Unwillkürlich drängten sich vor:
Eile mit Weile.
In der Ruhe liegt die Kraft.
Kommt Zeit, kommt Rat.
Was lange währt wird endlich wahr.
Nun wird es wohl weitergehen wie bei den Grimm-Brüdern: nach Zitaten schauen, in Sprichwörter-Lexika blättern, Zurufe hier auf diesem Blog, der jetzt vielleicht dank vieler “Zuarbeiter” gar zum überlaufenden Zettelkasten werden könnte. Was schön wäre.
Hans-Werner Bunz

Keine Vorsätze fürs neue Jahr

Als ich einem Freund am Neujahrstag “Alles Gute im Neuen Jahr” wünschte, fragte er mich: “Was für einen guten Vorsatz hast Du Dir vorgenommen?” Ich sagte, gar keinen. Und ich erklärte auch gleich den Grund dafür: 1) Wenn ich keinen guten Vorsatz habe, bin ich auch nicht frustriert oder schäme mich, wenn ich ihn nicht einhalte. 2) Finde ich es nicht gut, wenn ich mich ständig an etwas für mich Ungutes erinnern soll. 3) Eigentlich finde ich mich und das was ich tue und nicht tue ganz ok – ich finde keine Gründe für gute Vorsätze.

Ich habe hier lange nichts von mir hören lassen. Meine Zeit für Anderes zu nutzen, schien mir halt wichtiger. Slow Life heißt eben auch – ich schrieb es hier schon – nicht omnipräsent sein zu wollen. Und das ist kein Vorsatz, sondern meine Einstellung. Und deshalb habe ich auch meine Zugehörigkeit zur Facebook-Gemeinde gekündigt.
Hans-Werner Bunz

Ist Slow Life eine Utopie?

Rennen Sie sofort zum Telefon, wenn es läutet? Und werden Sie unruhig, wenn Sie niemand anruft? Haben Sie Ihr Handy immer dabei und auf Empfang gestellt? Simsen und Twittern Sie tüchtig? Ist Ihr erster Blick auf den E-Mail-Eingang nach dem Öffnen Ihres Rechners? Blicken Sie schnell morgens auf Ihre Online-Zeitung? Sind Sie Mitglied bei Facebook und haben viele aktive Freunde? Läuft der Fernseher oder das Radio bei Ihnen von morgens bis abends? Nutzen Sie Ihr privates Faxgerät häufig oder bekommen darauf Post? Hören Sie Musik beim Joggen im Wald? Wissen Sie oft nicht, wo Ihnen der Kopf steht? Klagen Sie, dass Sie zuviel um die Ohren hätten? Dann geht es Ihnen so, wie den meisten von uns. Und wenn Sie dann noch weite Wege zur Arbeit haben oder zum Einkaufen, die Kinder zum Sport, Ballett, zum Musizieren oder zur Nachhilfe bringen müssen, sich noch im Elternbeirat oder ehrenamtlich engagieren – dann, ja dann haben sie das volle Programm. Kein Wunder also, wenn Sie sich ständig gehetzt fühlen, häufig das Gefühl haben, es nicht zu schaffen.

Wir haben jede Menge Maschinen erfunden, die uns Zeit sparen: Das Auto – wir kamen nie schneller an einen anderen Ort, die E-Mail – dagegen ist die Post eine Schnecke, das Fernsehen oder Radio – wir haben die neuesten Nachrichten aus aller Welt in Echtzeit im Haus. Doch statt die gewonnene Zeit für uns zu nutzen, zwingen uns die neuen Maschinen zu rascher Reaktion oder verleiten uns, statt in der Stadt mit Infrastruktur weit draußen im Dorf zu wohnen ohne eine solche.

Alle Welt lebt so. Und weil das so ist, fühlen wir uns gedrängt mitzuhalten. Wir fürchten, täten wir es nicht, ausgegrenzt zu werden, an den Rand gedrängt. Und – seien wir ehrlich: Wir genießen das Tempo auch, das keine Zeit haben, von anderen immer gefordert zu sein und überall dabei zu sein und bei allem mitzureden und mitzuwirken. Ein Leben ohne Streß, Hetze, Erlebnisfülle scheint uns kein „reiches“ Leben zu sein. Im Innersten freilich wissen wir, dass dieses „reiche“ Leben ein armes Leben ist. Und so versuchen wir im Urlaub, an Weihnachten oder an einem Wochenende das wahre reiche Leben zu leben – und scheitern meist daran, weil wir es voll packen mit Erwartungen und Planungen. Ist Slow Life, das entschleunigte Leben, also eine Utopie?

Hans-Werner Bunz