Slow Life ist notwendiger denn je

“Die Welt wird immer schneller.” Ein Satz, so oder so ähnlich immer wieder kolportiert, dient als Metapher der so genannten Schnelllebigkeit unserer Zeit. Fast life sagen andere dazu. Als ob wir schneller und deshalb kürzer lebten. Statt dessen leben wir länger!
Alle neun Monate verdoppele sich das Wissen der Welt, las ich. Bei mir nicht. Und ich kenne auch keinen, bei dem das zuträfe. Hingegen ist gewiss, dass bei vielen das Wissen weniger wird – und da sind nicht die Demenz- oder Altzheimerkranken gemeint. Das fängt beim Nichtkopfrechnenkönnen an und hört beileibe nicht beim Nichtkochenkönnen auf.
Die Spekulanten spekulieren heute im Nanosekundentakt. Wohin das führt, erleben wir seit 2008. Und belegen die ständig wachsenden Burn-out Diagnosen die Schnelllebigkeit unserer Zeit? Oder sind sie in vielen Fällen nicht eher ein Beleg für mangelnde Selbstorganisation, für Entscheidungsangst, für überzogene Partizipation oder Kontrolle?

Kennen Sie das Märchen vom Hasen und dem Igel?
Wenn ja, dann überspringen Sie einfach den Absatz. Wenn nein: Traf eines Tages der Hase einen Igel. Sagte zu ihm: Mei, mei, was bist Du für ein langsamer Geselle. Da sagte der Igel: Wetten, dass ich schneller bin? Ha, ha, lachte der Hase, das wollen wir doch sehen, machen wir ein Wettrennen. Ja, sagte der Igel, aber nicht heute, doch morgen. Und dann machten sie die Strecke aus, die zu laufen war. Am nächtsten Tag standen beide am Start. Du kannst “los” sagen, sagte der Hase ganz großzügig. Der Igel sagte: Los! Und der Hase lief schnell wie ein Pfeil. Als er am Ziel ankam, kam ihm fröhlich der Igel entgegen und sagte: ich war schneller! Das gibt’s doch nicht, rief der Hase, das machen wir noch einmal. Aber jetzt sage ich los. Okay, sagte der Igel. “Los!” schrie der Hase und lief schnell wie ein Pfeil die Strecke zurück. Als der dort ankam, war der Igel schon da und sagte: ich war schneller! Da weinte der Hase und lief ganz langsam davon. Der Igel aber lachte und lachte, bis seine Frau vom anderen Ende der Strecke ankam.

Die Geschichte ist ein Loblied auf die die Klugheit. Und auf die Langsamkeit. Lehnen wir uns also zurück. Und gönnen wir uns Zeit. Zum Entdecken der Freuden, die sich uns bieten jeden Tag. Und zum Erkennen der wirklichen Notwendigkeiten, die uns auferlegt sind. Gönnen wir uns Pausen zum Nachdenken. Gönnen wir uns zuhause auch ein wenig Langeweile. Oder ein gutes Buch. Und einen Spaziergang in der Natur, ganz ohne Leistungsdruck. Öffnen wir unsere Sinne für die Welt um uns herum, zum Entdecken ihrer Schönheiten. Setzen wir uns zu Tisch in gemeinsamer Runde und reden miteinander. Und genießen dabei etwas Gutes, Natürliches und fair Erstandenes.

Hans-Werner Bunz

Was ich tun kann für die Welt (2)

Es war so geplant: einen zweiten Artikel sollte es zu diesem persönlichen Thema geben. Und vorher sollte eine gewisse Zeit vergehen, bis ich dazu etwas schreibe; denn ich wollte mein Verhalten in einem Punkt ändern, nämlich mein Auto intelligenter nutzen. Ich gebe zu, ich bin mit ihm zuviel gefahren. Nicht um die großen Strecken geht es, sondern um die kleinen. Von Zuhause in die Stadt beispielsweise. Oder von meiner Stadt zur Bezirkshauptstadt, die gut 40 km entfernt ist.

Ich habe mir also Anfang des Jahres vorgenommen, mein Auto weniger zu nutzen. Weil Autofahren doch erheblich a) mit seinem CO2 Ausstoß dazu beiträgt, den CO2 Gehalt in der Atmosphäre ansteigen zu lassen mit ungünstigen Auswirkungen auf das Klima, b) den Verbrauch fossiler Ressourcen beschleunigt. Hinzu kommt noch, dass Autofahren teuer ist. Meine Fahrten (und das sind die meisten – auch hinsichtlich der Kilometerleistung) aufs Land oder zu Terminen in weit entfernte, eher abseits der guten Bahnverbindungen gelegenen Orte kann ich nicht ersetzen durchs Zufußgehen oder das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel. Aber ich könnte es bei den Kurzstrecken.

Und genau das habe ich seitdem ziemlich konsequent getan. Ja, es ist sogar fast zur Gewohnheit geworden – und ist somit kein Strohfeuer für eine kurze Zeit. Für die Fahrten in die Bezirkshauptstadt nutze ich die Bahn: das braucht kaum mehr Zeit, ich spare viel CO2 ein und spare sogar noch Geld dadurch. Zwar fahre ich mit dem Auto rund 3 km zum Bahnhof, parke dort aber – mit etwas Glück sogar kostenlos. Das Bahnticket ist so günstig (weil ich einen zeitabhängigen Sondertarif nutzen kann und ich am Ziel keinen teuren Parkplatz bezahlen muss), dass das Nutzen des eigenen Wagens teurer wäre. Und noch ein Vorteil: Ich kann ein Gläschen Wein trinken bei den Besprechungen bzw. zum Essen, dessen Alkoholgehalt Stunden später kaum messbar ist, wenn ich mich in mein am Heimatbahnhof abgestelltes Fahrzeug setze.

Die kurzen Strecken vom Haus in die Stadt (ca. 2 km) und/oder zurück radle ich oder gehe zu Fuß. Wenn’s regnet nehme ich den Stadtbus – er fährt alle 20 oder 30 Minuten. Mit Radeln und Gehen habe ich zugleich einiges für meine Fitness getan. Und außerdem einiges Geld gespart. Sehe ich doch bei meinem Wagen, wieviel Sprit er braucht für diese kurzen Strecken – und auch das Parkgeld ist nicht unbeträchtlich. Und auch mit dem Bus spare ich, da Hin- und Rückfahrt deutlich günstiger ist als die Pkw-Kilometerkosten plus Parkgeld. Alles in allem also: weniger CO2 in der Luft, dafür mehr Geld im Geldbeutel und verbesserte Fitness.

Kleine Schritte sind auch Schritte. Machen viele solche Schritte, resultiert daraus am Ende große Wirkung. Zugunsten des Klimas von morgen.

2013 oder was ich tun kann für die Welt (1)

Über 1.300 Mal wurde mein Blog bisher aufgerufen – und es waren Menschen aus vielen Ländern der Welt dabei, nicht wenige darunter, die vermutlich kein Deutsch verstehen. Ich bin mir bewusst, dass meine Texte Gedanken und Nachdenkliches bieten, aber nichts dabei ist, das mein privates Leben ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Das bleibt auch so. Gedanken und Nachdenkliches werden auch weiterhin diesen Blog kennzeichnen. Heute, am Anfang eines neuen Jahres – und wahrscheinlich nicht nur heute -, denke ich ein wenig darüber nach, was ich für die Welt tun kann. Nicht etwas Besonderes, sondern etwas ganz Alltägliches. So wird auch dies zu etwas Unpersönlichem, denn was ich im Alltag tun kann, können Sie, lieber Leser, liebe Leserin ebenso.

Zukunft findet jeden Tag statt

Je jünger jemand heute ist, desto wichtiger ist der Blick in die Zukunft, die seine Zukunft und zugleich die Zukunft vieler ist, in mancher Hinsicht sogar aller. Denn was gestern und vorgestern war, ist nicht vorbei, sondern wirkt weit in die Zukunft hinein. Das Heute und Morgen verstärkt oder mildert diese Wirkungen. Denn morgen ist das Heute von gestern. Zukunft ist hier nicht die persönliche Zukunft, denn diese kann niemand voraussehen wegen der individuellen Einflussfaktoren, wie beispielsweise Schicksalschläge, unkontrollierbare externe Einflüsse, Charaktereigenschaften usw.. Mit Zukunft meine ich die Zukunft von uns allen, die wir die Erde bevölkern.  Denn egal, wo wir leben, überall beeinflusst jeder von uns mit seinem Leben und seinen Aktivitäten die Welt als Ganzes – alles hat bereits seit vorgestern globale Auswirkungen.

Was wir tun, das können wir zum Guten und zum Schlechten tun. Auf mich bezogen mag das von winzigstem Ausmaß sein, aber es ist ein Ausmaß. Und wenn viele Gleiches oder Ähnliches tun, dann erzeugt dieses Tun ein großes, fühlbares Ausmaß. Wir sind wohl nahezu 7.000.000.000 Menschen auf der Welt. Und alle tun wir etwas. Das hat Auswirkungen auf alle. Und damit auch auf Sie und mich. Wenn wir also Zukunft gestalten wollen, müssen wir das täglich tun. Wir können dabei das, was wir gestern falsch gemacht haben, nicht aus der Welt schaffen; was wir aber können ist, es heute und morgen besser zu machen und damit unseren Beitrag leisten für eine bessere Zukunft.

Mit dem Alltag die Welt verändern?

Was ist mein Alltag? Nun, zuerst einmal essen – drei, manchmal vier Mahlzeiten am Tag – und trinken, immer nach Bedarf. Wie langweilig, wie banal! Oh nein, überhaupt nicht. Denn das Essen (und Trinken) von uns Menschen hat gewaltigen Einfluss auf ungeheuer vieles: Klima, Bodenfruchtbarkeit, Wasser, Luft,  Ressourcen, Gesundheit (meine und die anderer), Investitionen, Arbeitsplätze, Politik und vieles andere mehr. Mit dem, womit ich mich ernähre, beeinflusse ich die ganze Welt. Und genau deshalb trage ich Verantwortung auch für die ganze Welt, nicht nur für mich.

Nehmen wir an, ich äße die Fertignahrung der Nahrungsmittelindustrie mit den bunten Bildern und großen Versprechungen auf der Verpackung. Dann müsste mir auch klar sein als moderner Mensch, dass:
– dahinter ein komplizierter, industrieller, also mit vielen Maschinen und hohem Energieeinsatz ausgestatteter Herstellungsprozess steht, sowohl für das Nahrungsmittel selbst als auch für seine Verpackung,
– zudem riesige Mengen so genannter Food Miles gefahren werden und dabei jede Menge Treibstoff verbrauchen, aber auch Straßenverschleiß verursachen;
– auch eine Landwirtschaft mit hohen Energie- und Maschineneinsatz dafür arbeitet,
– ganz zu schweigen vom Ressourcenverbrauch für die Herstellung von Maschinen, Verpackungen und Dünger, die Reparatur von Straßen (ein LKW beanspruche eine Straße wie 100.000 PKW, heißt es) sowie die notwendige Werbung, die einen erheblichen Anteil am Endpreis ausmacht.
Rechnet man das alles in CO2 um, dann kommt da Tag für Tag ein großer ökologischer Fußabdruck zustande, der unser Klima weiter aufheizt, die Umwelt schädigt, Böden auslaugt, öffentliche Reparaturinvestitionen verursacht und Geld bindet, das woanders vielleicht sinnvoller ausgegeben werden könnte. Die Schäden daraus sind unvermeidbar und werden viele auf der Welt treffen. Am meisten werden jene dafür bezahlen, die heute in den Dreißigern und jünger sind.

Mache ich weiter wie bisher?

Weil ich – besser gesagt wir, meine Frau und ich – das Gegenteil des oben beschriebenen Lebensstils leben, machen wir im Hinblick aufs Essen weiter wie bisher:
1. Einkaufen beim Gärtner, Metzger, Bäcker, Fischer in der Stadt und bei lokalen Landwirten  und Erzeugern in der nahen Umgebung; nur Milchprodukte kaufen wir im Supermarkt ein.
2. Wir bevorzugen grundsätzlich Bio-Produkte.
3. Wir kochen selbst und das jeden Tag (außer wir gehen essen im Gasthaus, was immer wieder mal der Fall ist, aber auch da bevorzugen wir nomralerweise solche Etablissements, die mit Produkten der Region arbeiten).
4. Die von uns bevorzugten Betriebe produzieren entweder in der Stadt oder nicht weit entfernt; was sie zukaufen beziehen sie überwiegend aus der nahen Umgebung: zwei “unserer” drei Metzger schlachten noch selbst und sind sogar Bio zertifiziert, die lokalen Gartenbaubetriebe sind an vier Wochentagen auf dem Wochenmarkt zugleich mit einigen Erzeugern aus der Umgebung. “Unsere” drei Bäckereien kaufen alle bei zwei Mühlen in der Umgebung (bei der kleineren kaufe ich auch mein Mehl in größeren Gebinden; denn diese Mühle hat nur Getreide von Bauern der Region). Der Fischhändler ist Fischer und fischt mehr oder weniger täglich im Fluss, dessen Wasser wieder fast Trinkwasserqualität  hat und an dessen Ufern unsere Stadt liegt; natürlich hat er auch Fische aus der Teichwirtschaft, doch auch diese sind nicht allzu weit entfernt.

Wir werden weiterhin im Spätsommer aus großer Tomatenvielfalt viele Gläser Tomatensoße kochen, die sich zur Suppe verwandeln lässt. Aus dem großen Früchteangebot ab Spätfrühling kochen wir Marmelade. Bei Gurken verlassen wir uns auf eine Bäuerin, die auch zu dünne Spargelstangen und bzw. deren Köpfe, die sonst unverkäuflich wären, delikat einweckt (letztere schmecken köstlich als Salat und sind perfekt zu gebratenen kleinen Rosenkranz-Bratwürstchen). Da wir auch selbst (gut) kochen und backen, verarbeiten wir alles bis auf das wirklich Ungenießbare, wie welke Blätter, Kartoffelschalen oder ausgekochte Karkassen. So gibt es bei uns fast keinen Plastik- und Verpackungsabfall und selbst der Abfall bei den Lebensmitteln ist gering. Summa summarum ergibt unser Lebensstil hinsichtlich des Essens einen relativ kleinen ökologischen Fußabdruck bei gleichzeitig großen Tafelfreuden, auf die wir sehr Wert legen.

Zeit – Geld oder Leben?
All das verlangt nach Zeit, Zeit zum Einkaufen, Zeit zum Verarbeiten und Zeit zum genussvollen Tafeln. Ein Anachronismus in einer Welt, in der Effizienz der Maßstab für mehr oder weniger alles zu sein scheint? Und spart man wenigstens Geld? Zeit sei Geld, behauptet ein aus den USA die Welt eroberndes Wort. Dem will ich entgegensetzen: Zeit ist Leben. Und kann man Leben mit Geld aufwiegen? Die Zeit, die meine Frau oder ich verwenden fürs Einkaufen und Zubereiten von Speisen und Backwerken ist eine Zeit der Begegnung mit durchaus interessanten Menschen und eine Zeit sinnvoller Tätigkeit; und für mich – nach einem beanspruchenden Tag in meinem Büro – auch eine Zeit der Erholung und Freude, ebenso wie das gemeinsame Tafeln mit den zugehörigen Gesprächen: wieviel Geld ist das wert? Es ist unbezahlbar.

2012 in review

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

Der neue Boeing 787 Dreamliner kann ungefähr 250 Passagiere befördern. Dieser Blog wurde 2012 über 1.300 mal besucht. Wäre es ein Dreamliner, würde es um die 5 Flüge brauchen, um so viele Personen zu befördern.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Verändert das Netz die Esskultur?

Die Food-Fotografen der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wirkten stilbildend für die Präsentation auf dem Teller der Gastronomen. Gilt das auch für die Amateure der sozialen Netzwerke?

Das Alles und Jedes fotografieren mit dem Handy ist schon länger nicht mehr zu übersehen. Dass die Leute nun auch ihr Essen fotografieren, Teller für Teller, ist neu. Vor allem aber ist neu, dass man jetzt auch sein Essen im Internet zur Schau stellt. Überraschend ist es freilich nicht. Für einen sozialen Netzwerker, der ja vorwiegend private Erlebnisse publiziert, ist es eigentlich nur folgerichtig, auch die privaten Tafelfreuden mitzuteilen. Und die Kameraindustrie surft bereits auf dieser Welle: ihre Digitalapparate sind mit der Voreinstellung ‚Speisen’ versehen. Sie macht Food-Fotos leckerer. „Immer mehr Menschen,“ schreibt die Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz (Zeigt her eure Teller, Der Tagesspiegel, 10. März 2012), „greifen vor der Gabel zur Kamera.“ Es scheint ein Tsunami zu sein: Bei Facebook für Fotos, wo – so Mercedes Bunz – „Bilder mehr sagen als Worte, ist eines auffällig: Essen ist das Motiv Nr. 1, wenn es um die Darstellung des privaten Lebens geht.“

Einst, als Kochbücher nur für professionelle Köche und erfahrene Hausfrauen geschrieben wurden, reichte die Rezeptur des Gerichts mit der Beschreibung der wesentlichen Schritte. Selbst Kochbücher zur Köcheausbildung, wie z.B. der Pellaprat, boten erst in späteren Auflagen Fotos, gesammelt in einem Bildteil; sie waren nicht mehr als eine sachliche Darstellung der Speise. Fotografisch aufwändiger, meist aus der Vogelperspektive (um den Zusammenklang der Elemente des Gerichtes zu zeigen), waren die schönen, schlichten Inszenierungen auf den Tellern in den 80er und frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. So geschmückt waren sogar die Kochbücher von Küchenheroen wie beispielsweise Eckart Witzigmann, Heinz Winkler, Dieter Müller oder Henry Levy. Keine Frage: Die Stylisten waren die Köche, nicht die Fotografen. Die einst einflussreiche Vierteljahreszeitschrift „Gourmet“, die nach gut 100 Ausgaben 2001 ihr Erscheinen einstellte, behielt mehr oder weniger diesen – exzellent fotografierten – Stil bis zum Ende bei. Dieser Stil hat die Welt der Gastronomie stark geprägt: bis heute ist er für viele gute Profi- und Hobbyköche Vorbild für das Anrichten auf dem Teller. Doch von den Testern darf, wer heute so anrichtet, keinen Stern erwarten.

Heutige Food-Fotografie für die Topgastronomie ist sichtbar aufwändiger. Wobei unklar ist, wer stachelt wen an: der Koch den Fotografen oder der Fotograf den Koch? Einerseits mutieren Köche inzwischen zu bildenden Künstlern und schaffen händeverschlingende Skulpturen und filigrane Gebilde auf dem Teller. Andererseits entwerfen Fotografen Bildkompositionen aus allerlei Perspektiven, als Nah- und Detailaufnahmen oder wahrhaft künstlerische tellerfreie Arrangements. Nicht genug damit, Effekt steigernd werden die Speisen auf Schiefer, Marmor und anderen Untergründen oder in Spezialgeschirren arrangiert. „Im Keller stapeln sich ganze Geschirrgebirge“, hörte ich kürzlich einen Koch klagen. Maximale Vielfalt und überraschender Anblick, so scheint es, kommen die Restaurants teuer. Schon deshalb wird diese Entwicklung keine Zukunft haben und die zugehörige Fotografie auch keine breitenwirksame Stilbildung.

Ganz andere Auswirkungen könnte hingegen die im Internet immer höher schwappende Homestory- und Sehtherwasichgegessenhabe-Bildnerei haben, die hunderttausende, ja Millionen Angucker findet. Zu sehen ist die ganze Bandbreite: von normalen bis ganz ausgefallenen Speisen, von schlicht angerichteten bis aufwändig dekorierten, von heimischen bis exotischen. Kommunizierte die professionelle Food-Fotografie vom Koch geschaffene Teller-Ästhetik und wirkte als Lehrstück für Profi- wie Hobbyköche, stellt sich nunmehr die Frage, was der private, massenhafte Kulinarik-Exhibitionismus bewirken mag: verändert er des Publikums Esskultur (und wenn ja, wie)? Oder bestätigt er die vorhandene?

Die Motive dieser privaten kulinarischen Veröffentlichungslust riefen inzwischen allerlei Seelendeuter auf den Plan. Viel wahrscheinlicher aber scheint mir, dass dahinter vor allem die schlichte Freude am guten Essen steckt. Und diese will man als sozialer Netzwerker mit seiner persönlichen Community, seinen Freunden, teilen: eine virtuelle gemeinsame Tafelei, eine Plauderei übers Essen (was man ja tut, wenn’s Essen schmeckt!). Das sich outen im „Ich sage Dir, was ich esse, und Du weißt, wer ich bin“, ist dabei ein erstrebter Mehrwert.

Gewöhnlich sind es ja eher die schönen Momente, die man öffentlich macht. Es ist daher keine verwegene Annahme, dass bevorzugt die gut aussehenden (und wahrscheinlich auch gut schmeckenden) Speisen ins Netz gestellt werden. Das Veröffentlichen ist deshalb auch mehr als ein Selbstlob („schaut her, was ich Gutes/Spezielles/Besonderes verspeiste“), es ist auch ein Lob an den Erzeuger, den Koch, die gastliche Stätte – auch wenn es die eigene Küche war. Und genau darin liegt die verändernde Kraft dieser Bewegung. Denn je mehr solch schöner und leckerer Tafelfreuden das Netz bevölkern, desto mehr verändern sie das Bewusstsein der Netzwerker: Qualität bekommt Stellenwert, leckeres Anrichten ist Pflicht. Verpönt sind Langweiligkeit und billige Gewöhnlichkeit.

So könnte diese Lust des Herzeigens seiner Teller das bewusste Essen und, als Folge, das gute Essen, das Essen aus guten Lebensmitteln, fördern. Addiert man dazu den zu beobachtenden Trend des Zuhausekochens, dann kann daraus ein entscheidender Beitrag zu einer besseren Ernährungskultur erwachsen: Essen, wie Slow Food es liebt, gut, sauber und fair. Das genaue Gegenteil zur heutigen Massenernährung: Good by industrielle Nahrungsmittelindustrie!

Hans-Werner Bunz

(Anmerkung: Die Kulturwissenschaftlerin Dr. phil. Mercedes S. Bunz ist die Tochter des Autors)

Käufliche Wissenschaft

Sie haben uns umzingelt, die Scheinheiligen in der ehrwürdigen Maske des Professors – zumindest auf dem Gebiete der Ernährung. Trau, schau wem – ein Wort, das heute in diesem Bereich (nur in diesem Bereich?) mehr als berechtigt ist. Betrachtet man die Welt der Ernährungswissenschaftler, so sieht es ganz so aus, als ob zumindest die renommiertesten gänzlich der Industrie verfallen sind.

Die Kritik an den akademischen Ernährungsexperten hat Tradition. Fraglich ist sowieso, ob man bei ihnen überhaupt von Wissenschaftlern reden kann. Denn schon immer haben sie sich angemaßt, zu erklären, was gesunde Nahrung sei. Allerdings ohne wissenschaftlichen Beweis. Udo Pollmer und Hans-Ulrich Grimm, um nur zwei der bekanntesten Kritiker zu nennen, entlarven seit mindestens 15 Jahren die Lügen der Nahrungsmittelindustrie und ihrer professoralen Protagonisten. Seit in den letzten zehn Jahren begonnen wurde, die aus der Luft gegriffenen Thesen über gesunde Ernährung wirklich wissenschaftlich zu untersuchen, kamen selbst Ökotrophologen nicht umhin, einzusehen, dass sie Unsinn verzapft hatten. Auch das Zunftmitglied Katrin Burger, im wirklichen Leben Journalistin, stellte ihre “wissenschaftlichen” Kollegen geradezu bloß in ihrem 2008 erschienen Buch “Die Vollkornlüge und andere Ernährungsmärchen”.

Niederschmetternd freilich ist, was Hans-Ulrich Grimm in seinem jüngsten Buch “Vor Verzehr wird gewarnt” dokumentiert: Viele der angesehensten Ernährungswissenschaftler, Mitglieder der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), die auch die Bundesregierung beraten und einen großen Einfluss haben, singen das Lob der Lebensmittelindustrie, sitzen in von ihr finanzierten PR-Vereinen, und sind sich nicht zu schade für die öffentliche Unterstützung obskurster Produkte wie z.B. Glutamat. Laut Grimm empfahl “der spätere Präsident Professor Peter Stehle, Universität Bonn, mit dem Hohenheimer Professor Hans Konrad Biesalski: Selbst ein Pfund Glutamat am Tag sei unbedenklich.” Erschütternd ist, wie sich diese Professoren einspannen lassen für die unbewiesenen Behauptungen der Industrie beim so genannten Functional Food, auf Deutsch Gesundheitsnahrung. Es kümmert sie offensichtlich nicht, dass es inzwischen viele, nun aber wirklich wissenschaftliche Belege gibt, die a) belegen, dass die Gesundheitsversprechen Makulatur sind und b) oftmals gar eher das Gegenteil erzielen.

Nur 5 Prozent unabhängige Gentechforscher
Noch schlimmer scheint die Situation im Bereich der Grünen Gentechnik zu sein. Denn hier ist die Nahrung an sich im Visier und nicht “nur” Nahrungszusätze. Es scheint – so der norwegische Wissenschaftler Terje Traavik – dass 95 Prozent der Forscher im Bereich Gentechnik der Industrie verpflichtet sind. Kein Wunder also, dass sie nach dem Motto handeln “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”. Denn sie wissen, was ihnen geschieht, wenn sie sich nicht wunschkonform verhalten.

Ein erschütterndes Beispiel dazu zeigte am Mittwoch, 2. Mai 2012, ab 23 Uhr, das Bayerische Fernsehen mit dem Film “Gekaufte Wahrheit – Gentechnik im Magnetfeld des Geldes”. Er erzählt die Geschichte zweier unabhängiger Forscher, Árpád Pusztai, weltberühmter Professor für Mikrobiologie in Schottland, und Dr. Ignacio Chapela, Biologe in Kalifornien. Als beide sich öffentlich kritisch über die grüne Gentechnik ausließen, ersterer in einem kurzen Interview im britischen Fernsehen (1998) und letzterer in einem Artikel für das amerikanischen Wissenschaftsmagazin NATURE (2001), bekamen sie sofort die ganze Macht dieser Biotech- und Pharmazie-Firmen zu spüren, die selbst Regierungen kuschen lässt.

Schon Stunden nach der Sendung erhielt Pusztai, offenbar auf Druck höchster Stellen der Politik, praktisch ein Berufsverbot und durfte sich nicht mehr zu seinen Forschungen äußern. Und erstmalig in seiner Geschichte zog NATURE einen Artikel, den von Chapela, zurück. Auch er verlor seine Lehrberechtigung, wurde ebenfalls gekündigt und praktisch mundtot gemacht. Dahinter steckte der amerikanische Chemie- und Saatgut Multi Monsanto. Mit Verleumdungen hatte er dafür gesorgt, dass die fast ausgelieferte NATURE-Ausgabe zurückgezogen wurde, wie Guardian-Journalisten herausfanden.

Was hatten Pusztai und Chapela herausgefunden? Dr. Pusztai bewies, dass Genfood gesundheitschädlich ist: bei Ratten erzeugte es beachtliche Organveränderungen und Immunschäden. Dr. Chapela bewies anhand von Funden in gesetzlich geschützten Urmaisfeldern Mexikos, dass es keine natürliche Koexistenz von GVO-Produkten und natürlichen Produkten gibt.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Studien, die beweisen, dass gentechnisch verändertes Futter Säugetiere (auch der Mensch ist eines) krank macht, Säuglingssterblichkeit drastisch erhöht, Fortpflanzung behindert. Aber unverändert wird dies von den zuständigen Behörden wie z.B. die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA ignoriert oder bagatellisiert.

Hans-Werner Bunz

Siehe auch http://www.gekauftewahrheit.de

Es ist gar nicht so leicht…

sich durch die Geheimnisse und Mechanismen des hinter diesem Blog agierenden Content-Management-Systems zurecht zu finden, besonders dann, wenn man nicht täglich damit arbeitet. Doch mit etwas Mühe gelang es mir, einen neuen Artikel dahin zu platzieren, wo er hingehört: Muttererde oder der Schoß des Lebens, so der Titel, ist nun auf der neuen Seite Slow Life and Food (siehe oben) einzusehen.